Argentinien, Frauen, Frauenbewegung, Lateinamerika

Argentinien: Las madres de Plaza de Mayo

Der Kampf der Mütter

30,000 Menschen sind während der letzten Militärdiktatur (1976-83) in Argentinien verschwunden. Bis heute sind die sogenannten desaparecidos nicht vergessen. Seit damals demonstrieren ihre Mütter und Großmütter jeden Donnerstag für Gerechtigkeit und Aufklärung. Friedlich. Sie wurden geschlagen, eingeschüchtert, ausgegrenzt oder sind wie ihre Kinder verschwunden.

Wie alles seinen Anfang nahm

Es ist der 30. Juni 1974. Maria Estela Martínez de Perón tritt die Nachfolge ihres Mannes Juan Domingo Perón als Präsidentin Argentiniens an. Damit wird sie zur mächtigsten Frau des Landes. In der Theorie. Doch sie ist zu schwach und unerfahren, um sich durchzusetzen. Das Land befindet sich in einer schweren Krise und so ermächtigt sie das Militär und die Sicherheitskräfte, alles in deren Macht stehende zu tun, um die Ordnung wiederherzustellen. Das ist ihr Ende und das von mehr als 30,000 anderen Menschen.

Am 14. März 1976 putscht das Militär und setzt eine Militärregierung ein. An ihrer Spitze steht General Jorge Rafael Videla.

Das Verschwindenlassen beginnt

Der General und seine Armee unterdrücken jeden, der eine reelle oder potentielle Gefahr darstellt: Studenten, Intellektuelle, Priester, Künstler, Politiker, Journalisten. Entführungen und Ermordungen sind an der Tagesordnung. Die Verschwundenen erlangen später als desaparecidos traurige Berühmtheit. Ihr Verbleib ist bis heute ungewiss. Sie werden gefoltert, ermordet oder aus Flugzeugen über dem Río de la Plata geworfen. Die Kinder von schwangeren desaparecidos werden ihnen weggenommen und Angehörigen des Militärs übergeben. Bis heute kennen viele von ihnen nicht ihre wahre Identität.

Geschlagen, verhaftet, geächtet

Sie wollten Auskunft darüber erhalten, was mit ihren Kindern geschehen war. Deshalb trafen sich einige Mütter an einem Donnerstag im Mai 1976 auf dem Plaza de Mayo (zu Deutsch: Maiplatz), der sich gegenüber des Regierungssitzes in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires befindet. Das damals herrschende Versammlungsverbot war im Rahmen des Belagerungszustands erlassen worden. Es besagte, dass öffentliche Zusammenkünfte über fünf Personen verboten waren. Daher liefen die Mütter stets um die Pyramide herum, die sich auf dem Plaza de Mayo befindet, sodass die Polizei sie nicht festnehmen konnte.

Las Madres de la Plaza de Mayo werden geboren

Eine der ersten, die an den friedlichen Demonstrationen teilnahmen, war Hebe de Bonafini, die als ihre Gründerin gilt. Sie rief gemeinsam mit anderen die Organisation ins Leben, um Informationen über den Aufenthaltsort ihrer Kinder zu erfahren. Außerhalb der Gruppe wurden sie geächtet. Sie waren damals die Einzigen, die sich trauten, öffentlich gegen die Regierung zu protestieren. Bereits am dritten Donnerstag kamen zu ihrer wöchentlichen Demonstration mehr als 300 Mütter. Die Polizei versuchte sie zu verjagen.

Quelle: Youtube

Schrei nach Aufmerksamkeit

Trotz ihrer wöchentlichen Zusammenkünfte vor dem Regierungsgebäude machten die Mütter zunächst keine großen Fortschritte. Daher entschieden sie, auf andere Art und Weise auf sich aufmerksam zu machen. Sie störten Staats- und Festakte und zogen somit die Aufmerksamkeit des Militärs und der Presse auf sich.

1979 nahmen die Mütter an einer Feierlichkeit am Muttertag 1979 teil. Zunächst wussten sie nicht, wie sie sich untereinander erkennen sollten. Daher entschieden sie sich schließlich, Stoffwindeln ihrer Kinder auf dem Kopf zu tragen, sodass sie auch von den Menschen und der Presse wahrgenommen wurden. Diese weißen „Koptücher“ wurden später zu ihrem Symbol. Als sie danach an einem Protestmarsch, der von Menschenrechtsorganisationen organisiert worden war, teilnahmen, wurden sie abgeführt. Allerdings waren versehentlich auch einige ausländische Journalisten unter den Festgenommen, was beinahe augenblicklich dafür sorgte, dass man im Ausland auf die desaparecidos und ihre Mütter aufmerksam wurde.

Einigkeit trotz Spaltung

Am 10. Dezember 1979 verschwand Azucena Villaflor, die erste Präsidentin der Organisation, für immer und die Verfolgung der Madre de la Plaza de Mayo erreichte ihren Höhepunkt. Sie wurden geschlagen, mit Tränengas attackiert oder in Straf- oder Konzentrationslager gesperrt. Ein Jahr lang konnten sie sich nicht mehr auf dem Plaza de Mayo versammeln. Stattdessen trafen sie sich donnerstags in verschiedenen Kirchen der Stadt.

1982 brach der Falklandkrieg zwischen Argentinien und Großbritannien aus. Die Madre de la Plaza de Mayo solidarisierten sich mit den Müttern der Falkländer, die im Krieg gegen Großbritannien gefallen waren. Auf ein Plakat schrieben sie: Die Falkländerinnen sind Argentinierinnen, genauso wie die desaparecidos („Las Malvinas son argentinas, los desaparecidos tambien“).

Nicht immer herrschte Einigkeit innerhalb der Gruppe. 1986 kam es zu einer Spaltung. Die Madres de Plaza de Mayo – Linea Fundadora unter der Präsidentin Nora Cortiñas und die Madres de Plaza de Mayo unter Hebe de Bonafini gingen künftig getrennte Wege. Allerdings demonstrieren die beiden Gruppierungen bis heute bisweilen gemeinsam.

Sie wollen ihre Kinder lebend zurück

Laut Bundesamt für politische Bildung gehen offizielle Angaben von 9,000 desaparecidos aus, Menschenrechtsorganisationen schätzten die Zahl allerdings auf 30,000.

In einer Reportage behauptete General Jorge Rafael Videla, der für das Verschwindenlassen verantwortlich war, die desaparecidos seien lediglich verschwunden und nicht tot. Die Madres griffen diese Idee auf, denn dadurch konnte man einige der Verantwortlichen verurteilen, da es nach argentinischem Recht nicht notwendig war, dass man die Leichen fand, um die Täter bestrafen zu können.

Auch wenn dieser Wunsch, ebenso wie der nach vollständiger Gerechtigkeit, unerfüllt bleiben wird, erwähnt amerika21, im März 2015 sei eines der vermissten „Babys“ von den Abuelas de Plaza de Mayo ausfindig gemacht worden.

Die Nachwirkungen

Die Madres de Plaza de Mayo sind tief im kulturellen Gedächtnis Argentiniens verwurzelt und bilden selbst einen Erinnerungsort. Sie haben eine Universität, eine Zeitung, eine Buchhandlung und einen eigenen Radiosender.

Ihr Kampf ist bis heute nicht beendet. Der erste demokratisch gewählte Präsident nach der Militärregierung, Präsident Raúl Alfonsin (1983-1989), leitete Prozesse gegen die ehemalige Regierung ein und veranlasste Reparationszahlungen für die Betroffenen und ihre Angehörigen. Immer wieder mussten die Mütter allerdings auf die Durchsetzung ihrer Interessen pochen. So gewährte ein von Präsident Carlos Menem (1989-1999) erlassenes Gesetz dem verantwortlichen Militär Straffreiheit und Straferlass. General Videla stand zwischenzeitlich unter Hausarrest. 2010 wurden erneut Verhandlung gegen ihn und andere Verantwortliche aufgenommen. Er wurde 2012 zu 50 Jahren Haft verurteilt. 2013 starb er im Gefängnis. Deutschland hatte bereits 2004 seine Auslieferung gefordert, da unter den desaparecidos auch in Argentinien lebende Deutsche gewesen waren, darunter Elisabeth Käsemann, die gegen die Dikatatur gekämpft hatte. .

Den Müttern und Großmüttern ist es auch zu verdanken, dass Verschwindenlassen seit 2010 ein Straftatbestand im Völkerrecht ist.

Die inzwischen Neunzigjährige Hebe de Bonafini, ehemalige Präsidentin der Madres de la Plaza de Mayo, wurde wegen Veruntreuung staatlicher Gelder angeklagt. Sie selbst weist die Vorwürfe zurück und sieht sich als Opfer einer Intrige von Seiten des argentinischen Präsidenten Mauricio Macri. Sie sagte, dies sei der Preis, den man zahlen müsse, wenn man Macri seinen Feind nenne.

 

Die Internetseite der Organisation: WWW.MADRES.ORG

 

 

Quellen:

  • http://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/223408/militaerdiktatur-in-argentinien
  • https://amerika21.de/2017/05/175715/40-jahre-madres-plaza-de-mayo
  • http://www.bpb.de/internationales/amerika/lateinamerika/44628/menschenrechtsbewegung
  • http://www1.udel.edu/leipzig/254/lasmadres.htm
  • https://www.globalist.it/world/2017/05/16/hebe-de-bonafini-a-processo-per-frode-lei-replica-manovra-di-macri-1000455.html
  • WWW.MADRES.ORG

 

 

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