Argentinien

Argentiniens Geister

Argentinien. Bis zu 30,000 Menschen sollen während der letzten Militärdiktatur in Argentinien (1976-1983) entführt, gefoltert oder ermordet worden sein. Bis heute fehlt jegliche Spur von ihnen. Die Schuldigen schweigen noch immer. Die Aufarbeitung der Verbrechen ist bis heute nicht abgeschlossen.

Mitten in der Nacht taucht ein Auto vor dem Haus auf. Sicherheitskräfte und Angehörige von Militärs und Polizei steigen aus. Sie sind bewaffnet und dringen in das Haus der Familie ein. Sie alle werden mitgenommen. Am Tag darauf, in einer anderen Stadt Argentiniens, wird eine Studentin auf dem Nachhauseweg abgefangen und von den Sicherheitskräften abgeführt. Ihre Freunde, die sie begleiten, versuchen zu helfen. Ohne Erfolg. Die junge Frau taucht nie wieder auf. Das sind nur zwei von geschätzt 30,000 Menschen, die in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern unter anderem auf Befehl von Jorge Rafael Videla und seiner Junta Militar, der Militärregierung, verschleppt und getötet worden sein sollen.

Das Schicksal der desaparecidos

Die sogenannten desaparecidos (dt. die Verschwundenen) verschwanden einfach, ganz gleich, ob es nachts war oder am helllichten Tag. Sie wurden in geheime Haftanstalten wie die Mechanikerschule der Marine in Buenos Aires (ESMA) gebracht, wo sie gefoltert und gedemütigt wurden. Die Zeitung La Prensa schrieb damals, die Foltereinrichtungen hätten erschreckende Ähnlichkeit mit den Konzentrationslagern der Nazis und der SS. Nach der Folter wurden die desaparecidos sediert, ausgezogen, an Händen und Füßen gefesselt und dann massenweise aus Flugzeugen über dem Rio de Plata oder dem Atlantik abgeworfen. Das berichtete der ehemaliger Militär, Scilingo, 1998. Andere hatte man in Massengräbern verscharrt. Kinder, die in Gefangenschaft geboren wurden, waren anschließend an Familien des Militärs übergeben worden. Selbst heute wissen viele von ihnen nichts von ihrer wahren Herkunft.
Die Familien konnten niemals mit dem Verschwinden ihrer Angehörigen abschließen. Sie hatten auch niemanden, an den sie sich hätten wenden können. Es war ihnen nicht einmal erlaubt, Strafanzeige zu erstatten. Nicht wenige von denen, die dennoch Licht ins Dunkel bringen wollten, verschwanden selbst. Die Mütter und Großmütter der Verschwunden, die sogenannten Madres (& Abuelas) de Plaza de Mayo, wurden lange Zeit als locas, als Verrückte, abgestempelt.

Das Phänomen des Verschwindenlassens als Maßnahme der Unterdrückung ist kein rein argentinisches. In Honduras berichten Menschenrechtsorganisationen, darunter Amnesty International, heutzutage von ähnlichen Praktiken. In Mexiko ist vor allem das Verschwindenlassen von Frauen trauriger Alltag. Dort ist dies jedoch nach aktuellem Kenntnisstand nicht politisch motiviert. 

Videla Rhetorik

Das Perfide daran: Videla leugnete die tausendfachen Entführungen mehr schlecht als recht. In einem Interview im (nord-)amerikanischen Fernsehen gab er 1977 zu, dass Menschen verschwänden. Er behauptete damals, die Leute seien entweder untergetaucht, um sich der Revolte anzuschließen, weil der Widerstand selbst sie habe beseitigen wollen oder weil sie im Zuge einer Konfrontation, bei der es zu Bränden und Explosionen gekommen war, bis auf die Unkenntlichkeit verbrannt waren. Er gab allerdings auch zu, dass es im Rahmen der Unterdrückungsmaßnahmen der Regierung vereinzelt zu Gewaltexzessen gekommen war. Letzteres bestätigten nach dem Ende der Diktatur auch die ranghohen Militärs. Die desaparacedos seien lediglich Opfer einiger übermütiger Jungspunde aus den eigenen Reihen gewesen, so das Militär. Der Auftrag zur massenhaften Verfolgung und Tötung von Regimegegnern habe es nie gegeben. Videla hingegen hatte sich reuig gezeigt und sogar versichert, alles in seiner Macht stehende zu tun, um weitere solcher Fälle durch sein Militär und die Polizei zu verhindern. 

Nachdem der Papst Johannes Paul II 1979 das Land und das Verschwindenlassen kritisiert hatte, äußerte sich Videla selbst zu den Vorwürfen. Seine Worte sind für viele Argentinier bis heute unvergessen. Er sagte, ein desaparecido existiere quasi nicht. Er sei weder tot noch lebendig, er sei einfach nur verschwunden („No tiene entidad, no está … Ni muerto ni vivo, está desaparecido.“).

Selbst als schließlich alles ans Licht kam, rechtfertigte Videla seine Taten damit, dass er nur versucht habe, Ordnung ins Land zu bringen und den linken Terror einzudämmen. Der Zweck habe die Mittel geheiligt. Selbstverständlich habe er die Menschen nicht einfach töten können, argumentierte er aus seiner Sicht logisch. Das hätte zu viel Aufsehen in Argentinien und der Welt geführt. 

Jorge Videla starb 2013 in einem Gefängnis in der Provinz Buenos Aires. Und mit ihm die Wahrheit.  

Die Aufarbeitung der Verbrechen

Dass überhaupt etwas über die desaparecidos bekannt wurde, ist Menschenrechtsorganisationen, Angehörigen der Verschwundenen und den Madres de Plaza de Mayo zu verdanken, die unter anderem Staatsakte störten oder sich an ausländische Staatschefs wandten. Die Verbrechen konnten während der Diktatur dennoch lange Zeit vor den Augen der Öffentlichkeit geheim gehalten werden. So fand die Fußball-WM 1978 ohne Störungen und Bedenken des Auslands statt. 

Der erste demokratisch gewählte Präsident nach der Militärdiktatur war Raúl Alfonsin. 1984 bezeichnete der Spiegel ihn noch als die „neue Hoffnung“. Und tatsächlich versprach er Angehörigen finanzielle Entschädigung und verurteilte einige der Täter. Angehörige des Militärs wurden in den vorzeitigen Ruhestand versetzt, er selbst übernahm den Oberbefehl über die Streitkräfte und kürzte die staatlichen Ausgaben für das Militär. Auch ordnete er an, die Verantwortlichen sollen sich einem Militärgericht gegenüber verantworten. Hohe Offizieren entzog er außerdem die Ausreiseerlaubnis. 

Die Urteile wurden jedoch später unter seinem Nachfolger Carlos Menem revidiert. Er erließ des weiteren ein Gesetz (Ley de obediencia debida und das Ley de puncto final), dass die ehemaligen Schuldigen mit dem Hinweis auf ihre Dienstpflicht unter Amnestie stellte.

Der Marineoffizier Adolfo Scilingo, der sich 1998 den spanischen Behörden stellte, weil er nach eigenen Angaben seine Taten nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren konnte, trug ebenso zu einer öffentlichen Debatte über die desaparecidos bei. In Argentinien hatte er zuvor versucht, sein Gewissen zu erleichtern, indem er sich verschiedenen Journalisten anvertraut hatte. Das Interview mit dem linken Journalisten Horacio Verbitsky von Página12 hat dieser in einem Buch veröffentlicht. Scilingo war mehrfach entführt und sogar verstümmelt worden. Man hatte ihm die Initialen der Journalisten, mit denen er gesprochen hatte, ins Gesicht geritzt.

Erst knapp zwanzig Jahre später wurde die von Präsident Menem erlassene Amnestie unter dem Ehepaar Néstor Kirchner und Cristina Fernández de Kirchner wieder aufgehoben. Videla befand sich bis dahin auf freiem Fuß und lebte in Buenos Aires. Cristina Kirchner ehrte auch das Engagement der Madres de Plaza de Mayo.

Nora Cortiñas, die Leiterin der Madres de Plaza de Mayo, versprach 2012, nichts unversucht zu lassen, um auch den letzten Täter zu bestrafen. 

Man darf gespannt sein, wie und ob der aktuelle Präsident Mauricio Macrí an der weiteren, noch immer unvollständigen Aufklärung der desaparecidos arbeiten wird, damit die Betroffenen und die Familien endlich Ruhe finden.

Die Geschichte der desaparecidos am Beispiel der Familie des Comiczeichners Héctor German Oesterheld. Quelle: Youtube.

Verwandter Artikel:

Las Madres de la Plaza de Mayo

Quellen

https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/amerika/jorge-videla-gestorben-der-ideologe-des-dreckigen-krieges-12187339.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

https://www.menschenrechte.org/blog/2000/11/02/uberwindung-vergangenheit-argentinien/

https://www.amnesty.de/journal/2016/august/was-nicht-verschwand-0

https://amerika21.de/2017/05/175715/40-jahre-madres-plaza-de-mayo

http://www.bpb.de/internationales/amerika/lateinamerika/44628/menschenrechtsbewegung

http://www1.udel.edu/leipzig/254/lasmadres.htm

https://amerika21.de/nachrichten/2013/01/75320/kampf-gegen-straffreiheit

https://amerika21.de/meldung/2012/09/59810/ex-militaers-verurteilt

https://amerika21.de/meldung/2012/07/53562/neuer-prozess-videla

 

 

 

 

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