Frauen, Frauenbewegung, Internazionale, Italien, Lateinamerika, Mafia, Mexiko

Die Mafia ist keine Fernsehserie!

Festival der Internazionale: Von Italien bis Mexico – Frauen und das organisierte Verbrechen.

Ferrara. Der Blick der schlanken Frau wandert durch das Publikum, das sich in Scharen im Hof des Burg von Ferrara eingefunden hat. Sie sitzt breitbeinig auf dem Stuhl, die Unterarme auf ihren Beinen abgelegt. Die Pose hat etwas Kampflustiges. Das Mikrofon, mit dem ihre Stimme bis zum letzten Zuhörer im Innenhof dringt, ist überflüssig. Ihre Stimme ist klar, deutlich und wirkt wie eine Kriegserklärung. Eine Kriegserklärung an die Mafia, gegen die sie seit Jahrzehnten in ihrer Heimat Mexiko schreibt. Sie erntet Applaus für das was sie sagt, lange bevor die Simultandolmetscherin das Gesagte ins Italienische übersetzt.

Die Frau ist die mexikanische Investigativjournalistin Anabel Hernández. Sie war eine von drei geladenen Gästen, die am 7. Oktober 2018 im Rahmen des Festivals der Internazionale unter dem Titel Legalità, femminile singolare über die Rolle der Frau in der italienischen und mexikanischen Mafia diskutierten. Neben Hernandez waren Valentina Fiore vom Consorzio Libera Terra Mediterraneo und der Kriminologe Federico Varese zu Gast. Die Moderation leitete Marisa Parmigiani von der Fondazione Unipolis.

Die Mafia fasziniert nicht erst seit Netflixserien und Filmen wie Narcos, Pablo Escobar oder Der Pate. Bei der Diskussion am 7. Oktober wurde jedoch eine Gruppe in den Fokus genommen, die sonst nur Randfigur in den Darstellungen über die Mafia ist: die Frauen. Hernández warnt außerdem davor, solche Serien zu romantisieren. Die Mafia sei keine Fernsehserie!

Ein Beitrag von Hernández über die Anziehungskraft von „El Chapo“ auch auf Schauspieler (Spanisch):

Quelle: Youtube. 

Die Mafia: nur für Männer?

Der Kriminologe Federico Varese beschäftigt sich berufsbedingt mit der italienischen Mafia. Typisch für die Aufnahme in die kriminelle Organisation, so Varese, seien gewisse Aufnahmerituale. Davon ausgenommen seien prinzipiell jedoch Frauen. Ihnen sei es nicht möglich,  auf diese Art Mitglied in der Mafia zu werden und seien somit traditionell von der Organisation ausgeschlossen. Sei seien nicht hart und grausam genug, mutmaßte Varese. Allerdings wieß er daraufhin, dass auch eine so konservative Organisation wie die Mafia im Begriff sei, sich zu wandeln und sich den sozialen Veränderungen anzupassen. Schon seit einiger Zeit führten Frauen in der Mafia wichtige Arbeiten aus. So fungierten sie bereits in der Vergangenheit als Nachrichtenübermittler und Kontaktpersonen zwischen inhaftierten capi (dt. Chefs) und ihren Untergebenen. In einigen Fällen hätten sie sogar Führungsrollen eingenommen.

Innerhalb der Mafia müsse man zwischen zwei Formen von Zugehörigkeit unterscheiden. Einerseits könne man durch einen Aufnahmeritus Teil der Mafia werden. Diese Riten wurden vor allem durch Filmaufnahmen der carabinieri in den 2000ern bekannt.

Darüber hinaus gebe es die mafia di sanguinità, also eine Zugehörigkeit zur Organisation, die sich durch Heirat oder Geburt ergibt. Dadurch könnten auch Frauen „Mitglied“ werden. So geschehen beispielsweise mit Marisa Merico, Tochter des Chefs der Cosa Nostra Emilio DiGiovine, die eine wichtige Rolle innerhalb der Organisation einnahm.

Über vermeintliche Schwäche und das Schweigen in der Mafia

Valentina Fiore ist Mitglied des Consorzio Libera Terra Mediterraneo. Die Organisation helfe Mafia-Mitgliedern, die die Organisation verlassen wollen und Frauen, die sich selbst dem Kampf oder der Rolle der Antagonisten verschrieben haben, stellte Moderatorin Marisa Parmigiani von Unipolis vor. Ziel des Consorzio sei es ferner, erklärte Fiore, einen kulturellen Wandel („cambiamento culturale“) einzuleiten und Aussteigern eine ehrliche und legale Arbeit zu ermöglichen. Für viele sei es die erste legale Arbeit in ihrem Leben überhaupt. Um Aussteiger anzuziehen, machte sie als Frau sich etwas zu Nutze, was die mafiösen Organisationen als Schwäche („debolezza“) sähen, sie als Frau jedoch als Stärke. Nicht nur das Gesetz des Schweigens („omertà“) verbiete es Mafiosi über ihre Aktivitäten zu sprechen. Auch das antiquierte Bild des starken Mannes würde in der konservativen Organisation der Mafia aufrechterhalten. Über seine Gefühle zu sprechen oder anderen zuzuhören, die dies tun, sei verpönt. „Come se l’ascolto è un simbolo di debolezza“, sagte Fiore [dt: Als ob Zuhören eine Schwäche wäre]. Und genau dort setze sie an.

Und dann sprach Anabel Hernández, die mit ihrem Wesen sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums hatte, die all ihre Kraft und ihre Wut in das legte, was sie zu sagen hatte. Die Mafia [Anm.: gemeint ist die mexikanische Mafia] habe nichts von einer Fernsehserie („no es una serie de televisión“), betonte sie.

Was die Frauen betreffe, so habe sie solche getroffen, die für die Mafia gearbeitet hätten und solche, die sich dem Kampf gegen sie verschrieben hätten. Auch in der Mafia nähmen Frauen verschiedene Rollen ein. Da gab es zum Einen die, die von der Mafia zur Prostitution gezwungen und wie ein Stück Fleisch zu sexuellen Diensten („carne sexual de intercambio“) benutzt würden, aber auch Geliebte und Ehefrauen. Wieder andere wüschen Geld für die Männer.

Straffreiheit für Frauen

Hernández wies darauf hin, dass man den weiblichen Mittäterinnen der Mafia auch heute noch zu wenig Aufmerksamkeit schenke. Sie selbst kenne keinen einzigen Fall, in dem eine Frau in Mexiko strafrechtlich zur Verantwortung gezogen worden sei.

Hernandez verwies schließlich auf die Notwendigkeit, gegen die Straflosigkeit durch den Staat anzukämpfen. Es handle sich außerdem nicht um ein reines Problem Mexikos. Das, was dort geschah, könne ebenso in jedem anderen Land der Welt passieren.

Federico Varese räumte ein, dass der italienische codice civile [Anm.: entspricht dem deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB)] in Bezug auf die Verantwortung der Frau innerhalb der Mafia veraltet sei („in ritardo“). Sie wären zwar nicht offiziell Teil der Organisation, da sie nicht an dem Aufnahmeritus teilnehmen dürften, effektiv allerdings doch, weil sie eine Verbindung zwischen capi [dt. Clanchefs] und soldati [Anm.: Angestellter der niedrigsten Stufe der Hierarchie in der Mafia] herstellten. Er stimmte außerdem Anabel Hernandez zu, als er sagte: „Tutti i morti di cui parlava Anabel sono impuniti“ [dt. (frei): All die Toten, von denen Anabel sprach, haben bis heute keine Gerechtigkeit erfahren].

Wir tragen die Verantwortung

Leidenschaftlich, wie sie es häufig während dieser Diskussion war, richtete sich Hernández an das Publikum. Wenn nicht sie alle die Stimmen gegen die Organisation erhebten, täte niemand den ersten Schritt, sagte sie. Sie selbst sehe sich nicht als Heldin, sondern wolle nur ihre Familie schützen.

Dass das nicht ganz stimmt, wurde deutlich, als die Journalistin fortfuhr. Mexiko sei für Journalisten das gefährlichste Land der Welt. Gefährlicher sogar als Afghanistan oder andere Länder. Sie sei auf vielen Beerdigungen in den letzten zwölf Jahren gewesen, erinnerte sie sich. An einem Tag trinke man noch einen Kaffee mit einem Freund, am nächsten Tag sei er bereits tot.

Persönlich involviert

Auch sie selbst sei indirekt Opfer gewesen, erzählte sie. Ihr Vater sei im Jahr 2000 entführt und getötet worden. Die Polizei habe ihr gesagt, wenn sie wolle, dass man ermittle, müsse die Familie Geld bezahlen. Bis heute sei der Fall nicht aufgeklärt. Ihrem Vater sei nie Gerechtigkeit zuteil geworden. In Momenten wie diesen frage man sich, ob man lieber schweigen solle oder eine Heldin sein wolle.

Die Frau als Opfer

Und dann kam sie auf die Rolle der mexikanischen Frau als Opfer zu sprechen. Bereits seit den Siebzigern lebe man mit den Mafiakartellen. Ende der 90er sei es zu einem Anstieg an Ermordungen, Entführungen und Vergewaltigungen von Frauen in Juárez gekommen, der Stadt, die 2008 zur gefährlichsten Stadt der Welt für Frauen gewählt wurde. Die Verbrechensserie ließ die Bevölkerung damals vollkommen kalt („indiferencia de la población“). Es habe sich um arme Frauen gehandelt, präzisierte Hernandez. Sie hätten nichts bedeutet. Aufmerksamkeit sei erst auf das Problem gefallen, als ein Basketballteam, Unternehmer und Frauen aus der Oberschicht entführt worden waren. Doch auch dann sei ein Aufschrei der Bevölkerung ausgeblieben, ebenso wie ein Eingreifen vonseiten der Regierung. Es sei stillschweigend toleriert worden, weil ihr Schweigen erkauft worden war.

Heute hingegen entwickle sich eine neue Bewegung in Mexiko, die nicht mehr schweigen wolle. Das, so Hernández, sei keine Frage von Moral und Ethik, sondern von persönlicher Betroffenheit. Jeden Tag verliere dort jemand einen wichtigen Menschen: einen Cousin, eine Cousine und so weiter.

Eine neue Generation bringt Veränderungen

Von Veränderung sprach auch Valentina Fiore. Als vor 25 Jahren in Rom ein Bus mit carabinieri [Anm.: entspricht ungefähr der deutschen Polizei] Ziel eines Bombenanschlags wurde, entschied sich die damalige Generation der 13- bis 18-Jährigen zu kämpfen. Dies taten sie, indem sie selbst carabinieri wurden, erklärte Fiore.

Doch auch die Mafia habe sich verändert. Sie wies darauf hin, dass sie noch immer da sei. Sie agierte jedoch subtiler. Fiore warnte: Pass auf, wenn es still wird, weil das möglicherweise der gefährlichste Moment ist.

Mit Erstaunen blicke sie nach Amerika, wo man die Politik verlache. Würde man so etwas in Italien tun, hätte man schon gewonnen. Demzufolge frage sie sich, wer das Problem sei: Sie oder wir?

Nicht immer entscheiden sich die Kinder gegen die Mafia

Beim Kampf gegen die Mafia setze Fiore auf die Frauen. Mütter wünschten sich Normalität. Sie fragten Fiore nach einem Ausstieg. Nicht für sich, weil es für sie zu spät sei, um sich zu von der Organisation zu lösen („non si possono staccare“), sondern für ihre Kinder. Damit diese eine Wahl hätten. Nicht immer entschieden sich diese Kinder dann gegen die Mafia, aber das Wichtigste sei es, dass sie überhaupt eine Wahl hätten.

Täter, Gegner und die Heuchelei der Konsumenten

Die Schuld sah Varese nicht einzig bei der Mafia selbst. Das Problem seien darüber hinaus auch die Finanzwelt und die Politik. Im Finanzsystem sei nicht immer nachvollziehbar, wie sich die Gelder bewegten. Diese Wege zu ergründen, sei bereits ein Erfolg im Kampf gegen die kriminelle Organisation. Doch die Politik würfe ihnen Steine in den Weg und wolle ihnen stattdessen weißmachen, dass der Drogenverkehr auf die Immigranten zurückzuführen sei.

Hernández kritisierte daraufhin, dass die Konsumenten ihren Beitrag zur Stärkung der Mafia leisteten. Einerseits gingen sie zu Konferenzen und Friedensmärschen, andererseits konsumierten sie Marihuana, Kokain oder förderten die Prostitution. Sie dächten, es sei nur ein Gramm, aber schon wegen dieses einen Grammes würden Menschen getötet, so Hernandez.

Die Legalisierung von Drogen ist nicht das Ende der Mafia

Hernández sah in der Legalisierung der Drogen kein Mittel, um der Mafia zu schaden. Im Gegenteil! Der größte Konsumentenkreis befinde sich in den USA. Dort würde der Großteil legal durch Medikamente konsumiert. Produziert würden diese „drogas ilegales pero legales“ (dt.: illegalen, aber legalen Drogen) in Paris, London, New York. Eine Legalisierung der Drogen bedeutete damit eine Legalisierung der Mafia. Um Drogenkonsum vorzubeugen und damit die Unterstützung der Kartelle, helfe nur, darauf aufmerksam zu machen, welche Konsequenzen es mit sich bringe.

Man wird die Mafia nie verstehen

Auf eine Publikumsfrage, wie man die Mafia denn begreifen könne und wo man anfangen solle, antwortete Fiore, sie beschäftigte sich schon lange mit der Mafia. Man erreiche jedoch nie den Punkt, an dem man die Mafia gänzlich verstehe. Es helfe allerdings, Artikel und Urteile zu lesen und den Gerichtsverhandlungen zu folgen, also eine Portion Neugierde für die Thematik mitzubringen. Schließlich solle man sich bewusst sein, dass mafiosi nicht immer einen dunkleren Teint oder einen süditalienischen Akzent hätten.

Federico Varese sagte, man solle sich bei der Recherche nicht entmutigen lassen („non scorragiarsi“).

Hernández widersprach diesem Ansatz jedoch. Sie habe sich damals bereits 15 Jahre mit dem Thema beschäftigt, als ihr ein Informant, der Anwalt war, gesagt habe, sie solle nicht bloß auf die Konsequenzen schauen, sondern auch auf den Auslöser und dieser sei das Geld. Man müsse sich die Mafia als Unternehmen vorstellen. Sie tötete nicht aus Vergnügen! Müssten sie jedoch Millionen töten, um ihren Markt aufrecht zu erhalten, würden sie es tun!

[1] * Impegno delle donne contro il crimine organizzato: In Zusammenarbeit mit fondazione UniPolis (Cultura ricerca Sicurezza Solidarietà)

Verwandte Artikel:

Übersicht: Die italienische Mafia

Quellen:

Merico, Marina: Mafia Princess. Ich war skrupellos. Ich brach das Gesetz. Ich gehörte zur Familie.

Das Video des Aufnahmeritus der ‚Ndrangheta mit zugehörigem Artikel der Sueddeutschen Zeitung: https://www.sueddeutsche.de/panorama/ndrangheta-in-kalabrien-polizei-filmt-erstmals-mafia-aufnahmeritual-1.2228770

Vitale, Giuseppina: Ich war eine Mafia-Chefin; Mein Leben für die Cosa Nostra.

Please follow and like us:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.