Frauen, Italien

Femicidio und Feminicidio: Die tausend Gesichter der Gewalt gegen Frauen

Ferrara. Um gegen Gewalt und Ermordung vorzugehen, die Frauen betreffen, sei es wichtig, die Charakteristika zu erkennen und zu verstehen. So begann Giulia Sacrati ihren Vortrag zum Thema Gewalt gegen Frauen und Mord an Frauen. Es war eine Einführungsveranstaltung, an die sich in den kommenden Wochen ein Seminar anschließt.

Sacrati selbst hat kürzlich ihren Abschluss in Jura gemacht und Gewalt gegen Frauen und Feminizid waren die Themen ihrer Abschlussarbeit. Während ihrer Recherche war ihr insbesondere das Fehlen von schriftlichen Quellen aufgefallen.

Noch immer kursierten Fehlinformationen zu dem Thema, kritisierte sie. Dies betreffe nicht nur die Bevölkerung, sondern auch Berufsgruppen, die tagtäglich mit Gewalt gegen Frauen zu tun hätten, so Sacrati. Daher bedauerte sie auch, dass nicht mehr Männer zu ihrem Vortrag gekommen wären. Um wirklich etwas zu erreichen, müssten viele Aspekte und Fachleute involviert werden.

Sie unterschied dabei zwischen Feminicido und Feminizid [Anm.: Im Deutschen werden die Pendants Feminizid und Femizid synonym gebraucht].

Femminicido (Feminizid) schließt alle gewaltsamen Verhaltensweisen ein, die sich gegen eine Frau aufgrund ihres Geschlechts richten. Darunter fallen beispielsweise stalking, living dead, ökonomische, soziale und religiöse Diskriminierung sowie ein kontinuierlicher Frauenhass.

Femmicido (Femizid) meint die Ermordung einer Frau durch einen Mann.

Gewalt gegen Frauen habe seit jeher existiert, erklärte Giulia Sacrati. Das, was sich allerdings geändert habe, sei die Frau selbst. Sie zählte die wichtigsten rechtlichen Errungenschaften auf:

  • 1945 Frauen erhalten das Wahlrecht in Italien (in Deutschland 1918)
  • 1950 Frauen erhalten das Recht auf Scheidung
  • 1975 der neue Codice di diritto di famiglia [Anm.: eine Art Familiengesetzbuch] tritt in Kraft: er garantiert erstmals die familiäre Gleichheit der Eheleute und die Möglichkeit der Gütergemeinschaft
  • 1981 Das „matrimonio ripartore“ (dt. wieder gutmachende Ehe) wird abgeschafft. Das Gesetz besagte, dass ein Mann, der eine Frau vergewaltigt hatte, sie im Anschluss aber geheiratet hatte, straffrei davon kam. Das Opfer selbst hatte bis dato kaum Mitspracherecht. Um die „Ehrverletzung“ des Opfers, insbesondere aber die der Familie, wiedergutzumachen, wurden sie häufig in solche Verbindungen gedrängt. (1) Die Sizilianerin Franca Viola war die erste Frau, die das matrimonio ripartore ablehnte. Sie war 1955 mit 17 Jahren vergewaltigt worden.
  • Im selben Jahr wird auch das „diritto d’onore“ abgeschafft. Das „Ehrengesetz“ sah eine Strafmilderung für die Ermordung einer Frau aus dem Familienkreis (oder die Geliebte) vor, wenn die besagte Frau zuvor den Mann in seiner Ehre gekränkt hatte. 

 

Zusammenhang zwischen Diskriminierung & Ungleichbehandlung der Geschlechter

Beides, so führte Sacrati weiter aus, seien Kontrollinstrumente der patriarchalen Ordnung und begännen bereits bei der Sprachwahl. Dazu zählten laut Sacrati [Anm.: Die Beispiele wurden zum besseren Verständnis von uns gewählt]:

  • Ausgrenzung oder vollständiger Ausschluss des Weiblichen bzw. weiblicher Begriffe
    • [Anm.: Im Italienischen muss ein Adjektiv an das Subjekt angepasst werden. Dabei ist stets einem männlichen Subjekt den Vorzug zu geben, unabhängig von seiner Quantität.]
    • Beispiel 1: La donna è bella. (Die Frau ist schön) L’uomo è bello. (Der Mann ist schön) Le donne sono belle. (Die Frauen sind schön.) Gli uomini sono belli. (Die Männer sind schön.) -> ABER: La donna è il uomo sono belli.(Die Frau und der Mann sind schön.) 50,000 donne e 1 uomo sono belli. (50,000 Frauen und ein Mann sind schön.)
  • z.B. Berufsbezeichnungen [Anm.: das Wort Präsidentin zum Beispiel wird im Italienischen bisher nicht oder kaum benutzt, ebenso wenig wie Architektin]
    • deutsch: Architekt -> Architektin, Präsident -> Präsidentin
    • italienisch: l’architetto ->  l’architetto, il presidente -> la presidente,
  • Allerweltswörter
uomo donna
uomo disponibile (hilfreicher Mann) = gentile & premuroso donna disponibile (verfügbare Frau) = mignotta (Nutte)
cortigiano (Höfling) = gentiluomo di corte cortigiana (Hofdame, aber auch: Kurtisane) = mignotta
uomo di strada (Mann von der Straße) = uomo duro donna di strada (Frau von der Straße)= mignotta
mondano (mondän) = chi fa vita di  mondana (eig. auch mondän) = mignotta
accompagnatore (Begleiter) = chi accompagna accompagnatrice (eig. auch Begleiterin) = mignotta

Von Gewalt, Unterdrückung bis hin zum Mord handeln auch die Erzählungen Ferite a morte [dt. Tödlich verletzt] von Serena Dandini. In ihnen kommen die Gefühl von Angst und Schuldgefühlen der Opfer zum Ausdruck.

Feminicido, also jegliches Verhalten, das sich gezielt gegen Frauen richtet, eben weil sie Frauen sind, kann sich bereits auf wirtschaftlicher Ebene äußern. Die Tatsache, dass Frauen noch immer weniger verdienen als Männer, zum Beispiel, aber auch, dass Hausfrauen wirtschaftlich abhängig von ihren Männern sind. Diese Abhängigkeit wird dann ausgenutzt. Feminicido beinhaltet aber auch die Androhung von Gewalt gegen Kinder, um die Mutter unter Druck zu setzen. Manchmal werden die Kinder gezielt in die Aggression oder Diskriminierung gegen die Frau involviert.

 

Häufig bereits Anzeichen vor dem Mord

In 99 Prozent der Fälle, die sie untersucht hat, so behauptet Sacrati, sei die Ermordung der Frau bereits vorherzusehen gewesen. Ihr waren bereits andere Formen von Gewalt vorausgegangen. Der Mord sei schließlich nur die Spitze des Eisberges gewesen. In diesem Zusammenhang kritisierte Sacrati auch die fehlende Unterstützung und Schutzmechanismen von Seiten des Staates.

Geschlechtsspezifische Gewalt hat viele Gesichter

  • sexuell
  • wirtschaftlich: eine Form der Kontrolle, z.B. indem der (Ehe-)frau nur teilweise oder gar kein Zugang zu den finanziellen Mitteln der Familie ermöglicht wird, gerät sie in Abhängigkeit von ihrem Partner
  • physisch
  • psychisch: ihre Würde wird verletzt; auch in der physischen und sexuellen Gewalt spielt die psychische Komponente eine Rolle; das Tragische: sie hinterlässt meist keine äußerlich sichtbaren Spuren 
  • religiöse: die Frau darf ihren Glauben nicht ausleben oder wird aufgrund des Glaubens diskriminiert -> vor allem in Fällen, in denen Paare unterschiedlichen Religionen oder Glaubensrichtungen angehören
  • stalking: Bedrohung oder Belästigung, die so weit gehen, dass bei dem Opfer eine schwere Angststörung oder Beklemmung ausgelöst wird; stalking erlebt seinen traurigen Höhepunkt häufig in der Ermordung der Frau

 

Der Fall Silvia Caramazza 

Sacrati erwähnt auch den Fall der Neunundreißigjährigen Silvia Caramazza. Die junge Frau war von ihrem Lebensgefährten ermordet, zerstückelt und in einer Kühltruhe versteckt worden. Bereits Monate zuvor wusste sie, dass es so enden würde und schrieb darüber in ihrem Blog. Darin beschreibt sie die psychologische Gewalt, der sie lange Zeit ausgesetzt war. Ihr Partner habe ihr gesagt, er kontrolliere ihre Post und ihr Handy, schreibt sie. Er habe sie mehrfach berührt, obwohl sie gesagt habe, dass sie das nicht wolle. Und dann habe er noch von ihr verlangt, dass sie ihn Schatz [Original: amore] nenne. Er habe Kameras in ihrer Wohnung installiert ohne ihr Bescheid zu geben, habe ihr nachgestellt, um zu sehen, ob ihr guter Freund [Original: amico] ihr wiederum nachstelle. 
Außerhalb ihres Blogs habe sie nur einigen wenigen Freunden davon berichtet, erklärt Giulia Sacrati, und selbst die kannten nicht das ganze Ausmaß. Als Silvia ihren Freund verlassen wollte, habe dieser sie schließlich getötet. 

 

Zahlen sagen mehr als Worte

Laut Istat (2) [Anm: dem italienischen Institut für Statistik] haben bereits 31,5% der Italienerinnen zwischen 16-70 Jahren eine Form körperlicher oder sexueller Gewalt erlebt. Das sind etwas mehr als 6 Millionen. Die schlimmsten Formen geschlechtsspezifischer Gewalt sind den Frauen durch Freunde, Partner oder der Familie widerfahren.
Italienerinnen und Ausländerinnen haben in ähnlichem Ausmaß sexuelle und körperliche Gewalt erfahren: 31,5% (Italienerinnen) vs. 31,3% (Ausländerinnen). Unterschiede gibt es hingegen, wenn man die beiden Formen unterscheidet. Ausländerinnen werden häufiger Opfer physischer Gewalt: 25,7% gegenüber 19,6%, wohingegen Italienerinnen des öfteren sexueller Gewalt ausgesetzt sind: 21,5% vs. 16,2%. Die World Health Organisation [ital.: Organizzazione mondiale della sanità] geht davon aus, dass im Schnitt 1 von 3 Frauen weltweit Opfer bereits Opfer sexueller Gewalt geworden ist. Die Dunkelziffer ist selbstverständlich höher. 

 

Italiener & Ausländer, Norden & Süden, Männer & Frauen

Sacrati hat auch die Nationalität der Täter in den untersuchten Statistiken der ISTAT, Eurostat und der World Health Organisation betrachtet:

  • 92% der Täter seien Italiener.
  • nur in Fällen sexueller Belästigung läge der Ausländeranteil höher.
  • 94,48%, so Sacrati, hätten sich darüber hinaus zuhause vollzogen und nicht auf der Straße.
  • 29% der Befragten einer Istat-Umfrage, die Sacrati zitierte, gaben an, dass die Untreue der Frau für sie einen Gewaltakt rechtfertigen würde. 

Unterschiede ließen sich auch zwischen Nord- und Süditalien feststellen. Im Norden seien die Frauen emanzipierter und würden sich daher eher gegen Gewalt wehren. 

Bei einer Umfrage, die Sacrati durchgeführt hatte, hätten 99% der Befragten angegeben, kein Vertrauen in die Justiz bei der Aufklärung solcher Verbrechen zu haben. Lediglich ein Einziger gab an, dass er juristischen Maßnahmen und polizeilichen Methoden vertraue. Der sei allerdings selbst Polizist gewesen.
Ebenfalls klar ist gemäß Istat (3) die Geschlechterverteilung von Opfern und Tätern: 90% der Opfer sind Frauen, 99% der inhaftierten Täter für geschlechtsspezifische Gewalttaten Männer. 

 

Leben die Italiener in einer patriarchalen Gesellschaft?

Lachen erntete Sacrati mit der Präsentation ihrer letzten Frage, die sie in ihrer Umfrage gestellt hatte: Ist die italienische Gesellschaft patriarchalisch? 100 Prozent der Frauen sagten ja, 100 Prozent der Männer nein. 

 

Quellen:

  • (1) https://medium.com/la-mosca-bianca/5-settembre-1981-il-delitto-donore-e-il-matrimonio-riparatore-vengono-aboliti-7b76de5c4860
  • (2) https://www.istat.it/it/violenza-sulle-donne/il-fenomeno/violenza-dentro-e-fuori-la-famiglia/numero-delle-vittime-e-forme-di-violenza
  • (3) http://www.quotidianosanita.it/studi-e-analisi/articolo.php?articolo_id=56243
  • https://www.ilfattoquotidiano.it/2013/07/03/bologna-paure-di-silvia-in-blog-mi-dice-ti-controllo-telefono/645207/
  • http://adesempioamepiacescrivere.blogspot.com/2017/03/latte-versato-il-diario-blog-di-una.html

 

 

 

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