Frauen, Frauenbewegung, Italien

Frauenhass 2.0.

Todesdrohungen, Beleidigungen und verbale Angriffe sind für manche Frauen längst keine Seltenheit mehr. Dies gilt insbesondere dann, wenn sie wie die italienische Politikerin Laura Boldrini in der Öffentlichkeit stehen. Nicht immer stammen die Kommentare, die sie über Facebook oder Twitter erhält, von Männern und häufig stehen die Autoren offen zu ihren Anfeindungen: mit ihren Namen.

 

Italien. Schmutzige Schlampe. Ich wünsche dir, dass du vergewaltigt wirst. Du musst mal wieder richtig durchgenommen werden. Das sind nur einige Beispiele aus Posts, die Beatrice Spallaccia für Frauenfeindlichkeit im Netz anführt. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Professorin auf Vertragsbasis des Fachbereichs Übersetzen und Dolmetschen an der Universität Bologna. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit beschäftigte sie sich von Januar 2014 bis November 2015  mit Frauenhass und Frauenfeindlichkeit im Internet. Dabei untersuchte sie Posts und Kommentare auf Facebook und Twitter in Italien, den USA und Australien. Ausganspunkt waren Frauen, die in den jeweiligen Ländern bekannte Persönlichkeiten sind. Die Ergebnisse stellte sie im Rahmen des Festivals La Violenza illustrata am 23.11.2018 in der Accademia delle Scienze der Universität Bologna vor.

@Beatrice Spallaccia

                                 Bildquelle: Beatrice Spallaccia.

Sprache spiegelt die Kultur wider

Insgesamt untersuchte Spallaccia 28 Fälle, in denen Frauen, die der Öffentlichkeit stehen, Zielscheibe frauenfeindlicher Angriffe geworden waren. 14 Fälle hatte sie in den USA sowie jeweils sieben in Italien und Australien ermittelt. Für Italien hatte sie unter anderem entsprechende Posts gegen die Autorin und Kommentatorin Selvaggia Lucarelli und die Politikerin Laura Boldrini analysiert. 314 Posts bzw. Tweets richteten sich gegen Lucarelli, 129 gegen Boldrini.

Nicht immer Männer

Wirklich beunruhigend („veramente tremenda“) sei, so Spallaccia, ebenfalls die Tatsache, dass sich unter den frauenfeindlichen Angriffen auch weibliche Nutzer befanden.

Eine konkrete Antwort, was die Ursache dafür sein könne, lieferte Spallaccia nicht. Jedoch mutmaßten sie sowie eine Zuhörerin, Gründe könnten konservative Ansichten seien, die in einigen Köpfen noch immer vorherrschten.

Die Charakteristika von Frauenfeindlichkeit im Internet

Spallaccia unterteilte die beobachtete Mysogenie in vier Kategorien. Zunächst einmal bedürfe es eines Ziels. Dafür böten sich besonders Frauen an, die in der Öffentlichkeit stünden und dann online abgeschlachtet werden („massacrate online“). Sie zitierte auch Laurie Penny, eine britische Journalistin und Feministin, die in einem Artikel schrieb, die Meinung einer Frau werde als der Minirock des Internets betrachtet („A woman’s opinion is the mini-skirt of the internet)“[1].

Nach anfänglich sexueller Belästigung, nähmen die frauenfeindlichen Angriffe („attacchi misogini“) nach und nach zu. Spallacia sprach von einem Schneeballeffekt, der unter anderem öffentliche Denunziation und eine zunehmend aggressive Wortwahl nach sich zöge.

Die Anfeindungen nähmen in einer dritten Phase immer mehr Gestalt an. Gewaltandrohungen würden hierbei explizit geäußert, wobei sie häufig zusätzlich sexualisiert seien und durch Bilder unterstützt würden. Dabei werde insbesondere Bezug auf geschlechtsspezifische Stereotype („basato su stereotipi di genere“) genommen und die betroffene Frau zu sexuellen Objekten degradiert.

Das vierte Merkmal nimmt die Opfer in den Blick, konkret die Folgen der frauenfeindlichen Posts und Kommentare. Es wirke sich auf ihr Sozial- und Berufsleben aus, auch der wirtschaftliche Faktor sei nicht zu unterschätzen, wenn die Frauen gerichtlich gegen ihre Peiniger vorgingen. Selbstverständlich seien auch die psychophysischen Auswirkungen enorm: Essstörungen, Panikattacken, Selbstverletzung und schlimmstenfalls sogar Selbstmord.

Die tausend Gesichter von Mysogenie im Internet

Wie sich Mysogenie 2.0 konkret äußere:

  • Cybermobbing
  • Cyberstalking
  • sexuelle Beleidigungen
  • Androhung von Vergewaltigung
  • Doxing: Sammeln von Informationen im Internet gegen eine Person
  • Swatting: Telefonterror
  • Porn Revenge
  • Morddrohungen
  • Ermunterung zum Selbstmord
  • Identitätsdiebstahl bzw. Erstellen von Fake-Accounts
  • Veränderung von bereits existierenden Seiten (z.B. Wikipedia-Vandalismus)

Misogynie zieht sich durch alle politischen und gesellschaftlichen Schichten

Rita Monticelli, Vetrauensberaterin der Universität Bologna, kritisierte das Fehlen eines entsprechenden Gesetzes, das dem Schutz dieser Frauen diene. Sie wies daraufhin, dass sie nicht besser behandelt werden sollten, aber Tatsache sei, dass sie vom Gesetz her aktuell zumindest nicht gleich behandelt würden.

Patrizia Caraffi vom Integrated Research Team Alma Gender sah es nicht damit getan, ein Gesetz zu verabschieden. Man müsse viel eher an der Wurzel beginnen. Noch heute würde häufig ein faschistisches Vokabular, das Frauen reduziert, benutzt, das in Comics, im Fernsehen und Songtexten wiederholt wird.

Eine Frau aus dem Publikum stimmte dem zu und sagte, es sei nicht verwunderlich, dass manche Bürger sich frauenfeindlich äußerten, wenn sich sogar der eigene Innenminister |Anm.: Matteo Salvini] in derselben Art und Weise ausdrückt.

[Anm.: Die Dame aus dem Publikum spielte auf einen Post von Matteo Salvini auf dessen Facebookseite an, bei der er das Bild von jungen Frauen postete mit dem Vermerk: „E ridono pure“, dt.: Und sie lachen auch noch. Einige seiner Anhänger äußerten sich daraufhin in herablassender Art über die abgebildeten Frauen. Wieder andere nahmen die Mädchen in Schutz und warfen Salvini vor, sie an den Pranger des Internets gestellt zu haben. Den Mädchen beigesprungen war auch eben jene Laura Boldrini, die selbst häufig Beleidigungen und Drohnungen erhält. Bei einer Parlamentssitzung kritisierte sie Salvini kürzlich öffentlich und forderte ihn dazu auf, das Bild von seiner Facebookseite zu nehmen.]

 

https://www.facebook.com/salviniofficial/photos/a.278194028154/10156209203898155/?type=3&theater
Hier der Originalpost von Salvini. Frei übersetzt: Die armen Kleinen und sie lachen auch noch… Fast 14.000 Kommentare, mehr als 11.000 Likes.

 

Quelle: Youtube. 

Boldrini fordert Salvini auf, den Post zu löschen: „Cancella questi messaggi dalla tua pagina facebook!“ Seine Antwort: Hast du die Plakate gesehen…? (Original: „Ma tu hai visto questi cartelli?“).

 

Eine weitere Frau aus dem Publikum sah eine Entwicklung zurück zur Macho-Gesellschaft. Man müsse die Familien erziehen. Dem stimmte auch Rita Monticelli zu. Sie widersprach allerdings Patrizia Caraffi an anderer Stelle. Für sie handle es sich nicht um ein faschistisches Phänomen. Frauenfeindlichkeit ziehe sich stattdessen durch alle politischen und sozialen Schichten. Die Verantwortung sehe sie außer bei den Familien auch bei den Schulen.

Spallaccia, die die Posts untersuchte, habe sich ursprünglich nicht einmischen wollen. Einige der Posts habe sie dann allerdings doch gemeldet. Sie kritisierte, bei einigen Social Media Kanälen wie Twitter fände überhaupt keine Prüfung der Posts statt. Auch Amnesty International bemängelte das jüngst.

Noch immer tragen Frauen eine Mitschuld

Viele sehen die Schuld nicht allein bei den Tätern. So zum Beispiel auch bei Tiziana Cantone, die sich das Leben nahm, nachdem Sexvideos von ihr erst über WhatsApp verschickt und dann über verschieden Soziale Netzwerke veröffentlicht worden waren. Mehr als eine Millionen Mal wurden diese Videos angeschaut. Warum hat sie die Videos auch an ihre Freunde geschickt? Warum hat sie überhaupt ein solches Video gedreht? Das sind einige der harmlosesten Fragen, die sie sich hatte anhören müssen. Ihr Name wurde publik gemacht, ebenso wie die vergangener Liebhaber, sie kündigte ihren Job, zog um. Am Ende sah sie nur noch einen Ausweg: Selbstmord.

Patrizia Caraffi erwähnt auch den Fall der 17-Jährigen aus Irland, der für Aufsehen sorgte und in Irland eine Welle von Protesten los trat. Der Verteidiger des Angeklagten verwies als eine Art Rechtfertigungsgrund auf die Unterwäsche, die das Opfer getragen hatte. BBC zitierte ihn mit den folgenden Worten: „You have to look at the way she was dressed. She was wearing a thong with a lace front.“ [dt.: Sie müssen sich anschauen, wie sie angezogen war. Sie trug einen Tanga mit einer Schnürung an der Vorderseite.] Der Angeklagte war später freigesprochen worden. Die Abgeordnete des irischen Unterhauses äußerte sich bei einer Sitzung bestürzt über die Äußerung des Anwalts und zeigte zur Demonstration ähnliche Unterwäsche.

Wir werden niemals schweigen

Spallaccia beendet ihren Vortrag mit dem Worten: „Noi non taciamo mai!“ [dt.: Wir werden niemals schweigen], was mit Applaus honoriert wurde.

Ein neues Phänomen?

Wer denkt, das alles wäre erst mit dem Internet geboren, der irrt. Anfeindungen gegenüber Frauen existieren seit jeher, nur die Plattform hat sich geändert. Ebenso wie das geschlechtsunabhängige Cybermobbing – Mobbing existiert auch außerhalb des Internets – hat sich nur der Raum für Frauenfeindlichkeit geändert. Das Internet, auch wegen des Fehlens geeigneter Gesetze mancherorts, bietet Tätern Anonymität und damit Schutz.

 

Bildquelle: Beatrice Spallaccia

 

 

Verwandte Artikel:

 

Quellen:

Artikel zum Fall Tiziana Cantone: http://www.ilgiornale.it/news/politica/suicida-video-hard-rete-pm-istigazione-suicidio-1306724.html

Weiterer Artikel zum Fall Tiziana Cantone: https://www.huffingtonpost.it/2016/09/14/tiziana-cantone-si-suicida-perche-si-sentiva-impotente_n_12003764.html

Artikel zum Fall des irischen Vergewaltigungsopfers: https://globalnews.ca/news/4661696/teenage-girl-underwear-irish-rape-trial-protests/

Ein weiterer Artikel zum Fall des irischen Vergewaltigungsopfer: https://www.bbc.com/news/world-europe-46207304

Der Artikel von Journalistin und Autorin Laurie Penny:[1] https://www.independent.co.uk/voices/commentators/laurie-penny-a-womans-opinion-is-the-mini-skirt-of-the-internet-6256946.html 

Die Studie von Amnesty International über Frauenhass auf Twitter und das Fehlen eines Kontrollinstruments: https://www.amnesty.org/en/latest/news/2018/12/crowdsourced-twitter-study-reveals-shocking-scale-of-online-abuse-against-women/

Interview mit Beatrice Spallaccia: http://www.flashgiovani.it/misoginia-2.0-intervista-a-beatrice-spallaccia

 

 

 

 

 

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