Argentinien, Italien, Lateinamerika

Kommentar: Viva la revolución?!

Über Sinn und Unsinn gewaltsamer Revolutionen.

Es ist Sonntagnacht in Neapel. Eine Gruppe junger Menschen sitzt bei Zigarette und Weißwein zusammen. Seit Stunden redet man über die politische Lage in Italien, über die Reinheit der Seele von Mensch und Tier und über Gewalt. Über Gewalt gegen sich selbst und über Gewalt als Mittel zum Zweck. Einer von ihnen reißt das Wort an sich. Es ist M. M’s Augen leuchten, wenn er über die Menschen in seiner südamerikanischen Heimat spricht, über ihre ganz normalen Träume von ausreichend Essen auf dem Tisch, medizinischer Versorgung für alle und davon, dass Kinder nicht auf der Straße leben und ihre Mütter sich nicht prostituieren müssen. Und er spricht von Revolution. Von gewaltsamer Revolution. Ich schweige. Ich schweige, weil mir die Worte fehlen in dieser Gruppe von Che-Guevara-Idealisten, die mir sympathisch sind, die sich aber auch zu gern selbst reden hören, aber auch, weil ich zwar an Revolutionen glaube, aber Pazifistin bin. Ich schweige, weil für mich der Zweck niemals die Mittel heiligt und Gewalt immer Gegengewalt schürt. Ich schweige, weil ich ihnen nicht sagen kann, wie unsinnig ich diesen Diskurs finde. Und so schweige ich weiter und niemand fragt warum.

Zwei Monate später und knapp 9.000 Kilometer entfernt wird ein Mann zum Präsidenten gewählt, der gegen Frauen, Homosexuelle und Minderheiten predigt. Ein Mann, der unliebsame Oppositionelle verfolgen lässt. Ein Mann, der das Militär auf seiner Seite hat, der einst selbst die Frucht dieses Militärs war, das er nun nährt. Und zu diesem Zeitpunkt kommt mir wieder die Diskussion über gewaltsame Revolutionen aus jener Septembernacht in Neapel in den Sinn. Ich beginne Freunde und die Familie zu fragen und auch mich selbst: Kann es Situationen geben, in denen eine gewaltsame Revolution der einzige Ausweg ist? Die Antwort ist fast immer dieselbe: Nein! Dann erzähle ich von M’s Argumenten, erinnere an unsere eigene deutsche Geschichte, an Mussolini, an Muammar al-Gaddafi. Und genau dann werden wir alle still.

Revolutionen für Dummies

Eine Bekannte hat mir einmal vorgeworfen, ich sähe vieles mit den Augen einer, die aus el primero mundo stammt, eine aus der ersten Welt und tatsächlich hat sie nicht ganz Unrecht. Als ein Kind der 90er, was weiß ich schon von Revolution? Was weiß ich schon von Hunger und von Diktatur? Als ich mit acht Jahren zum ersten Mal einen Obdachlosen in Hamburg sah, konnte ich die halbe Nacht nicht schlafen. Selbst für eine Deutsche bin ich privilegiert. Für mich sind Wahlen ebenso eine Selbstverständlichkeit wie eine kostenlose Ausbildung. Meine Meinung kann ich jederzeit kundtun ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Wenn uns etwas nicht passt, gehen wir auf die Straße und wir haben auch den Luxus, schweigen zu können. Uns geht es zu gut, wir sind zu gesättigt. Meinen deutschen Freunden geht es wie mir, aber wir wissen, dass es auch anders sein könnte. Wir wissen das, aber verstehen wir das auch?

Die Geschichte hat uns bereits mehrfach gezeigt, dass es duchaus anders hätte sein könnte. Kinderarbeit, Hunger, Krieg, totale Überwachung und politische Haft. Das alles sind Begriffe, die wir Nachgeborenen aus Geschichtsbüchern kennen oder aus den Nachrichten. Es sind Exoten, die wir mit offenem Mund bestaunen, kritisieren, aber die zu weit weg sind, um uns wirklich zu beschäftigen.

Und dann treffe ich Menschen, die zu weinen anfangen, weil sie es sich nicht leisten können, ein Kind zu bekommen, die mit 40 noch bei ihren Eltern leben, weil sie trotz ihrer zehn Jahre Berufserfahrung und zwei akademischen Abschlüssen einen niedrigeren Monatslohn erhalten als ein Auszubildender in Deutschland. Ich treffe Menschen, die mir erzählen, dass man ihren Landsleuten das Blaue vom Himmel versprochen hat, wenn sie nach Europa kämen und die sich hier prostituieren müssen oder vor Supermärkten betteln. Menschen, die ihre Würde im Mittelmeer verloren haben und sie auch nicht auf dem Kontinent wiedergefunden haben, der in seiner Verfassung behauptet, die Würde des Menschen sei unantastbar.

Was versteht man unter Revolution?

Für den Begriff der Revolution gibt es keine allgemeingültige Definition, wenn man dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk Glauben schenkt. Aber es gäbe gewisse Kriterien, die allen gemein seien: Die Eliten seien überholt, es gebe eine Krise, das „Volk“ sehne sich nach etwas Neuem, das es so vielleicht schon anderswo gebe, so Kowalkcuk. Und sie würden immer von aktiven Minderheiten getragen, nicht von Mehrheiten!

Wo wäre Deutschland ohne Revolution(en)?
Wenn wir von Revolutionen sprechen, mag der ein oder andere vielleicht zu allererst an Frankreich denken, doch wir müssen gar nicht erst in die Ferne schweifen. Die Märzevolution von 1848/49, die Matrosenaufstände von 1918, der Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, die Studentenunruhen, der Mauerfall, die Unteilbar-Bewegung. Das alles ist Made in Germany.
All ihnen ist gemein, dass sie sich gegen die Autoritäten, gegen den Staat, aufgelehnt und nachhaltige Veränderungen für das Land bewirkt haben, in dem wir heute leben. Allerdings waren nicht alle von ihnen friedlich.
In der Märzrevolution entwickelte sich erstmals das Gefühl eines gesamtdeutschen Volkes, ein pluralistisches Zeitungsbild entstand ebenso wie der Grundrechtekatalog, der 100 Jahre später teilweise wörtlich in das Grundgesetz der Bundesrepublik übernommen wurde. Das Bestreben nach politischer Partizipation und grundlegender Umstrukturierung wurde trotz blutiger Barrikadenkämpfe durch die Restauration zunächst auf Eis gelegt.
Kurz vor Ende des 1. Weltkriegs dann folgt eine weitere Revolution, die sich bald in ganz Deutschland ausbreiten sollte. Auslöser dieser sogenannten Matrosenkämpfe war der Befehl, die Schiffe der kaiserlich deutschen Marine in Wilhelmshaven gegen die überlegene Royal Navy auslaufen zu lassen. Und das, obwohl die Reichsregierung bereits in Verhandlungen um den Waffenstillstand stand. Die entsprechenden Matrosen weigerten sich und wurden verhaftet. Daraufhin solidarisieren sich Soldaten, Matrosen und Arbeiter und demonstrieren zu Tausenden, wobei sie einige der inhaftierten Matrosen gewaltsam befreien. Die Revolution breitete sich von Wilhelmshaven nach Kiel bis in nach München an. Die Demonstranten forderten nicht nur die Freilassung der Inhaftierten, sondern auch Meinungs- und Pressefreiheit. Die Entwicklungen überschlugen sich: Kaiser Wilhelm II. wurde zur Abdankung gezwungen, Sozialdemokrat Philipp Scheidemann rief vom Balkon des Berliner Reichstags die Republik aus, Karl Liebknecht kurz darauf im Tiergarten die sozialistische Republik. Liebknecht wurde schließlich beim Spartakus-Aufstand ermordet und mit ihm sein Traum einer sozialistischen Republik. Stattdessen wurde die Weimarer Republik wird geboren.

Von wegen Make love, not war:
50 Jahre später wieder eine Revolution in Deutschland! Man kann über sie sagen was man möchte, aber zweifelsohne waren die sogenannten 1968er eine der Hauptverantwortlichen für das politische und gesellschaftliche Umdenken, das uns bis heute prägt: eine erstmalige intensive Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, Infragestellung gesellschaftlicher Strukturen, Gleichberechtigung von Mann und Frau und ein wachsendes Umweltbewusstsein stießen sie an. Regelmäßig kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Traurige Berühmtheit erlangte dabei Benno Ohnesorg, der von Polizisten erst misshandelt und dann von einem von ihnen erschossen wurde. Daraufhin folgte der Ausnahmezustand. Studenten gegen die Bild. Studenten gegen Polizei. Und beide gegen die Studenten.

50 Jahre 1968er Bewegung: Long story short von der Ze.tt. Quelle: Youtube. 

All diese Revolutionen haben ihre Opfer gefordert. Auf beiden Seiten. Doch wo stünden wir heute ohne sie?

Gewaltfreie Revolutionen
Dass Revolutionen ihr Ziel auch ohne Gewalt nicht verfehlen, zeigt der Mauerfall 1989. Dieser vollzog sich zwar am 9. November, aber bereits zuvor kam es zu zahlreichen Demonstrationen. Bei der Leipziger Montagsdemonstration am 6. Oktober 1989 zogen 70.000 Menschen friedlich zur Stasi-Zentrale, am 4. November waren es ausgehend vom Berliner Alexanderplatz mehr als eine halbe Million. Nach der Verkündung der Reiseerlaubnis für DDR-Bürger durch Günther Schabowski – zunächst eigentlich nur nach Beantragung – versammelten sich und forderten die Grenzöffnung. Gegen 23 Uhr gaben die Grenzkommandanten nach und öffnen die Tore. Damit fiel die Mauer. Ohne Schüsse. Ohne Gewalt.
Die Unteilbar-Demo, bei der in Berlin dieses Jahr geschätzt 242.000 Menschen demonstrierten, war keine Revolution im eigentlichen Sinn. Sie richtete sich nicht gegen die Elite per sé, sondern gegen einen Teil dieser Elite und was dieser Teil vertritt: Rassismus und Diskrimminierung. Man könnte sie vielleicht als eine Art präventive Revolution sehen gegen etwas, das sein könnte und etwas, das so schon so Mal war.

 


#unteilbar Demo: ein Zusammenschnitt der Berliner Zeitung. Quelle: Youtube

Ziemlich sicher hatten wir mit dem Mauerfall Glück, weil niemand den Schießbefehl erteilte. Ebenso sicher ist, dass wir uns glücklich schätzen können, weil wir gegen das Erstarken der Rechten auf die Straße gehen können. Ich sage auch nicht, dass gewisse Länder keine Revolution brauchen. Ich sage, dass man die gewaltsame Konfrontation nicht zwingend suchen muss, dass der überwältigende, geordnete Volkswille wohlmöglich vielerorts reichen würde, das bestehende System umzustürzen.

Vor der Revolution ist nach der Revolution
„Und, was machst du dann, wenn dein Land frei ist?“, habe ich M gefragt. Die Antwort verschwimmt im Nebel der Vergangenheit und so muss ich mich selbst fragen: Ja, was wäre denn dann?
Ich glaube nicht an die Mär vom guten Politiker. Vielleicht gibt es sie, diese Politiker, die einst die besten Absichten hatten, die in ihrer Jugend mal Idealisten waren und irgendwann einmal die Welt verändern wollten. Doch die politische Realität sieht anders aus und weder in der Welt noch in der Politik ist Platz für Träumer. Es ist ein bisschen wie mit dem Yeti: Man weiß nicht, ob es ihn gibt, oder ob es ein Mythos ist und hin und wieder behauptet einer, er hätte ihn gesehen. Aber zu viele gute Männer und Frauen haben für einen Ministerposten oder eine Regierungsbeteiligung schon ihre Grundsätze verraten: Die Grünen, Obama und von Fidel Castro und Che Guevara wollen wir gar nicht erst anfangen. Ich glaube, dass M ein guter Mensch mit guten Absichten ist, doch im Kampf für sein Volk kann es nur böse mit ihm enden: Entweder er geht unter oder er verrät seine Ideale. Und ich glaube, dass eher Ersteres denn Letzteres eintritt und wenn ich Recht habe, bricht ihm das das Herz.
Und ebenso wenig wie an Politiker glaube ich an gewaltsame Revolutionen. Gewalt schürt immer neue Gewalt, Racheakte, Konterreaktionen. Das haben auch diejenigen deutschen Revolutionen gezeigt, deren Forderungen sich langfristig durchgesetzt haben. Kurzfristig jedoch sind sie niedergeschlagen worden.

Aber was weiß ich schon von Revolutionen?

 

Quellen

Charta der Grundrechte der Europäischen Union: http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/35799/verfassung-der-europaeischen-union

Kowalczuk über Revolutionen: https://www.deutschlandfunkkultur.de/historiker-1989-war-eine-revolution.954.de.html?dram:article_id=144761

Mauerfall: https://www.lpb-bw.de/fall_der_berliner_mauer.html

Unteilbar: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-10/unteilbar-demonstration-berlin-gegen-rechts

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