Frauen, Italien

Kommentar: Revenge Porn und der Fall Tiziana Cantone

Kommentar. Man stelle sich vor, man öffnet morgens seine Facebookseite und sieht darauf ein Video, das einer der Freunde geteilt hat. In der Vorschau erkennt man das eigene Gesicht. Man klickt darauf. Zu sehen ist man selbst in einer Situation, die eigentlich nur zwei Personen etwas angeht: den Partner und einen selbst. Man löscht das Video. Doch schon bald bemerkt man, dass das Video auch auf anderen Seiten auftaucht. Man wird angerufen, auf der Straße darauf angesprochen, die Familie kennt das Video und ebenso die Kollegen. Es werden T-Shirts mit einem Satz bedruckt, den man in diesem Video sagt. Sogar Memes gibt es davon. Ganz gleich, wohin man schaut, überall taucht das Video auf. Ein ganzes Land scheint es gesehen zu haben. Es ist ein Alptraum. Einer, aus dem man nicht mehr erwacht.

So oder so ähnlich muss sich Tiziana Cantone gefühlt haben. Sie zog sich immer weiter zurück, kündigte ihren Job, änderte ihren Namen, zog um. Das Video hingegen folgte ihr.

 


MrWissen2go erklärt was Revenge Porn ist und was man dagegen tun kann. Quelle: Youtube.

Voyeurismus und die Lust am Verbotenen

Alle täten es, aber sie sei die Schlampe, sagt Ludo in der Netflix-Serie Baby. Sie hatte einem Jungen vertraut, in den sie verliebt gewesen war. Der drehte ein Sexvideo von ihr und veröffentlichte es. Alle sahen es. Auch die Eltern der Schulfreunde. Für Tiziana hingegen rief niemand „Schnitt“ oder „Pause“, denn das, was sie erlebte, war kein Film.
Ihr Video wurde millionenfach angeschaut und zahlreiche Male geteilt. Fremde Menschen erhielten so intime Einblicke in Tizianas Sexualleben. Sie erhielt Beleidigungen, Drohungen und anzügliche Angebote.

Was Menschen dazu treibt, solche Videos anzuschauen, bleibt ein Rätsel. Wohlmöglich ist es ein bisschen wie die Nachbarin, die am Gartenzaun steht oder aus dem Fenster blickt, um die Nachbarn auszuspionieren: Sensationslust. Da passiert etwas, das verboten ist! Sex wird trotz aller Sexualisierung in den Medien noch immer viel zu sehr tabuisiert. Frauen, die ihre Sexualität offen ausleben, sind noch immer Schlampen. Frauen haben keinen Gefallen an Sex zu haben. Sie müssen ihn abwehren oder es eben über sich ergehen lassen. Tun sie das nicht, oder wird der intime Moment in die Öffentlichkeit getragen, ist das ein Skandal. Und wie bei einem Verkehrsunfall schauen zu viele lieber hin, statt zu helfen: wir sind alle Gaffer. 

Die Heuchelei der Viewer

Als Tizianas Suizid bekannt wird, zeigt sich Italien erschüttert. Fraglich ist, wie erschüttert sie zuvor über das waren, was man dieser jungen Frau angetan hat. Wie erschüttert waren sie, während sie über ein Meme gelacht haben, wie erschüttert waren sie, als sie sie auf Facebook als Schlampe bezeichnet oder ihr zweideutige Angebote geschickt haben? Was muss in einem Menschen vorgehen, der keinen anderen Ausweg sieht, als sich selbst das Leben zu nehmen, mögen sich manche von ihnen anschließend gefragt haben. Ob sie sich ihrer eigenen Schuld bewusst sind?

Sogar Tizianas Beerdigung im Fernsehen übertragen wurde. Sie ist nie allein

Kaum Konsequenzen

Selbst jetzt, obwohl sie bereits zwei Jahre tot ist, geistert das Video noch durch das Internet. Die 20.000 Euro Anwaltskosten gegen ein Verbot der Weiterverbreitung konnten daran nichts ändern und auch nicht die Mutter, die weiterkämpft. Konsequenzen wurden aus Tizianas Tragödie kaum gezogen. Italien versprach ein Gesetz gegen die Verbreitung von privaten Videos im Internet ohne Zustimmung der dort abgebildeten Personen und will auch gegen die Hauptverantwortlichen vorgehen: wegen Anstiftung zum Suizid. Aber das sind nur Exempel, die dort statuiert werden. Was ist mit den Millionen Viewers? Was ist mit den Fußballern Paolo Cannavaro und Floro Flores, die sich in zwei Videos über Tiziana lustig gemacht haben und damit ihren Fans verdeutlichen, dass es in Ordnung ist, eine Frau zu verspotten, deren Intimsphäre verletzt wurde?

Ein internationales Problem

Der Fall von Tiziana ist kein Einzelfall. Weder in Italien, noch weltweit. Die Würde des Menschen sei unantastbar, schreiben viele Staaten in ihre Verfassung. Für das Internet gilt das offenbar nicht. Private Videoaufnahmen werden von Exfreunden, vermeintlichen Freunden oder neuen Freundinnen des Ex ins Internet gestellt. Aber sie sind es nicht, die es liken, die es teilen, die es kommentieren. Über die Landesgrenzen hinaus. 

Acqua passata: Wo bleibt der Aufschrei?

In der Serie Baby gibt es den zwielichtigen Drogendealer Fiore, der trotz seines sonst so moralisch zweifelhaften Benehmens, zu Ludo hält. Er stoppt den Jungen, der das Sexvideo von Ludo gedreht hat und verpasst ihm eine Kopfnuss. Niemand sonst setzt sich für sie ein. Für Tiziana Cantone gab es keinen Fiore. Sie musste den Kampf selbst ausfechten, indem sie gerichtlich dagegen vorging. Geholfen hat das nicht viel. Auf manchen Plattformen ist es noch immer zu finden. T-Shirts mit dem Satz aus dem Video gebe es noch immer zu kaufen, schreibt Ilgiornale.it. Wo bleiben die, die sehen, welches Unrecht da geschehen ist? Nicht nur im Fall Tizianas, sondern in den zahlreichen Fällen, die kein öffentliches Aufsehen erlangt haben? Wann stehen wir endlich den Opfern bei und hören auf, die Täter zu schützen? Wann hören wir auf, uns zu Mittätern zu machen? Und wann fangen wir an, das Problem ernst zu nehmen? Es ist eben kein acqua passata (zu deutsch: Schnee von gestern), denn es passiert jeden Tag aufs Neue.

 

Das Video von Amanda Todd, die vor ihrem Selbstmord ein Video gedreht hat, um auf Revenge Porn und Cybermobbing aufmerksam zu machen:
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Quelle: Youtube

 

Hilfe- und Anlaufstellen:

Notfall-Seelsorge (auch Suizid-Prävention):
Telefon-Hotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste:
0800 – 111 0 111 (ev.)

0800 – 111 0 222 (rk.)
0800 – 111 0 333 (für Kinder / Jugendliche)
Email: unter www.telefonseelsorge.de
https://www.buendnis-gegen-cybermobbing.de/
http://www.cybermobbing-hilfe.de/

https://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/gefahren-im-internet/cybermobbing/

 

Quellen

  • https://www.ilmattino.it/primopiano/esteri/foto_hot_instagram_ex_suicidio-4098301.html
  • https://www.ilmessaggero.it/primopiano/cronaca/tiziana_cantone_suicidio_video_hard_paolo_di_canio_floro_flores-1964628.html
  • https://www.liberoquotidiano.it/news/italia/13234354/tiziana-cantone–la-procura-di-napoli-decide-l-archiviazione-del-caso–.html
  • https://tg24.sky.it/cronaca/2016/09/14/video-hard-mugnano-suicidio.html

 

 

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