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Kommentar: Wann ist man eigentlich „deutsch“/“italienisch“/“spanisch“?

Wann ist man eigentlich deutsch?

Der Flüchtlingsstrom 2015 hat die Debatte um Staatszugehörigkeit, das Gefühl von Heimat und Nationalgefühl befeuert. All diese Phänomen waren wahrscheinlich schon immer da, hatten aber bis dato eher wie ein Schwellenbrand unter der Oberfläche vor sich hin geraucht und drohen nun zu einem ausgewachsenen Flächenbrand zu werden. Ein Kommentar. 

 

Ein anderer Blickwinkel

Fremde Kulturen haben mich schon immer fasziniert. Ich weiß gar nicht, ob das an meinen weit gereisten Eltern lag – meine Mutter schwärmt noch immer von Thailand, das sie in den 7oern besucht hat, und mein Vater hat unter anderem in Lateinamerika gearbeitet – oder einfach meiner Natur entsprach. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Lynn oder Ivan oder Olga [Namen geändert] aus meiner Klasse nicht deutsch sein könnten. Sie waren eben deutsch UND noch etwas anderes und ich muss zugeben, dass ich immer etwas neidisch auf sie war. Wenn sie mich zum Essen einluden, war ich immer neugierig und wurde nie enttäuscht. Für mich ist jeder Mensch, der in Deutschland geboren ist, deutsch. Das mag den Betroffenen vielleicht selbst nicht passen, aber ich persönlich sehe das so. Die sind dann für mich eben deutsch und ZUSÄTZLICH noch etwas anderes. Zwei Sachen sind doch sowieso besser als eine! 

 

Offen für Neues sein

Das Problem ist doch, dass „wir“ glauben, unsere Lebensart sei perfekt. Wenn die Freundin etwas sagt wie „also ohne Kinder so wie du könnte ich nie glücklich werden“ oder wenn der Kollege eine andere Einstellung zu Pünktlichkeit hat wie wir, fühlen wir uns angegriffen. Wir glauben häufig, dass so wie wir sind und uns verhalten, die einzig wahre Möglichkeit der Existenz wäre. Wir versperren uns dann aber für neue Sichtweisen, Erfahrungen und Lehren.

Nicht falsch verstehen: Auch meine interkulturelle Empathie stößt an ihre Grenzen, wo es zum Beispiel zu Unterdrückung von Bevölkerungsgruppen kommt. Auch ich kann manche Verhaltensweisen nicht nachvollziehen, selbst wenn ich versuche, den Standpunkt der anderen Person einzunehmen. Aber ich bin unvoreingenommen und erkenne an, dass ich aus meinem Blickwinkel die andere Person vielleicht nicht verstehen kann, aber auch die ihre Beweggründe hat. Wenn der Kollege (aus unserer Sicht!) unpünktlich ist, dann ist er das in 99% der Fällen nicht, weil er uns ärgern möchte, sondern vielleicht, weil in seiner Kultur oder für ihn persönlich – nicht alles ist mit der Kultur zu erklären! – eine „Verspätung“ von 15 Minuten noch nicht als Verspätung gilt. Er weiß das, seine Freunde wissen das, ebenso wie seine Eltern, aber dann trifft er auf mich, der Pünktlichkeit beispielsweise sehr wichtig ist, und schon bin ich sauer und lasse ihn das spüren und der arme Kerl weiß gar nicht, was er falsch gemacht hat und denkt wohlmöglich, dass alle Deutschen penibel und launisch wären. 

 

Die Frustration der „anderen“

Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, in Deutschland geboren zu sein und sich als Deutscher zu fühlen und dennoch auf Englisch angesprochen zu werden, als „Beispiel für gelungene Integration“ herhalten zu müssen oder zu hören „dass man ja sehr gut deutsch spricht“. Vielleicht kann ich daher manche Befindlichkeiten nicht nachvollziehen.

Als ich auf den Philippinen war und Kinder meine blonden Haare anfassen wollten, fand ich das niedlich und habe sie machen lassen. Nie hätte mich das beleidigt! Wenn mir jemand in Italien sagt, dass ich gut Italienisch spreche oder mich fragt, woher ich käme, fühle ich mich geschmeichelt und nicht angegriffen. 

ABER: Bis auf ein einziges Mal habe ich aufgrund meiner Herkunft bisher nie Nachteile erfahren. Ich musste meine Herkunft nie „unter Beweis stellen“. Ich hatte den „Luxus“, nicht jede Frage über meine Abstammung auf unterschwellige Angriffe untersuchen zu müssen. Ergo, vielleicht kann ich es deshalb nicht nachvollziehen und ich will keinesfalls anderen ihre Gefühle absprechen, die bestimmt legitim sind. 

 

Der Rat einer weisen Frau

Meine Italienischdozentin der Uni Würzburg hat uns zum Thema interkulturelles Miteinander einmal folgende Frage gestellt: „Warum muss immer alles reduziert werden? Warum kann man nicht einfach mal ergänzen?“ Was hat sie damit gemeint? Es geht darum, dass heutzutage vieles abgeschafft wird mit der guten Intention, andere nicht zu kränken. In einer italienischen Schule wurde beispielsweise das gemeinsame Weihnachtsfest abgesagt, um Andersgläubige nicht zu kränken. Warum hatte man nicht einfach Weihnachten sowie das jeweils höchste Fest der anderen Kulturen feiern können? Stattdessen hat man den Kindern gleich sämtliche Feste weggenommen. Weihnachten gehört noch immer zu unserer westlichen Kultur, aber warum sollte Eid al-Fitr (Fastenbrechen) oder das Pessachfest nicht auch irgendwann dazugehören ZUSÄTLICH zu Weihnachten? 

In meiner Heimatstadt hat die muslimische Gemeinde zum Beispiel vor einigen Jahren ein Fest zum Fastenbrechen veranstaltet und alle Bürger dazu eingeladen, unabhängig von ihrer Herkunft und Religionszugehörigkeit. Es gibt Festivals zur Brüderschaft der Völker, wo Kulturen vermitteln und vermischt werden ohne dass jemand von kultureller Aneignung spricht, wo sich der Inder als Thor verkleiden darf und man Rezepte und Schmuck anderer Kulturen kaufen kann. 

 

Die Grenzen der Toleranz 

Es gibt jedoch auch Grenzen. Die Grenze ist bei mir persönlich beim swarte Piet erreicht – Kultur hin oder her –  beim Schlitzaugen-Zeigen während man „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ singt und beim „Negerkuss darf man ja wohl sagen dürfen. Das hat man früher schon immer gesagt.“ Da braucht auch keiner versuchen, „logisch“ zu argumentieren und von Kulturgut und Tradition zu sprechen. Wenn Kulturgut und Tradition Synonyme für Rassismus sind, dann sollte man ganz dringend mal über die eigene Kultur nachdenken. Ich sage nicht, dass diese Menschen Rassisten sind. Ich sage, dass sie mal ihre Denkweisen hinterfragen sollten, weil sie sich rassistisch verhalten

Was ist denn eigentlich „deutsch“, „italienisch“, „spanisch, „xyz“?

Was macht denn eine(n) Deutsche(n) aus? Einmal auf dem Oktoberfest gewesen zu sein und blonde Haare zu haben? Muss man als Italiener Pasta Carbonara zubereiten können und darf ein echter Schweizer keine Laktoseintoleranz haben? Nicht wenige sogenannte „Bio-Deutsche“ würden beim Einbürgerungstest wahrscheinlich durchfallen. Vielleicht schreibt die im Senegal geborene Lisa schönere Gedichte auf Deutsch als ich oder Mario ist präziser beim Arbeiten als Herbert.  Wohlmöglich sollten wir einfach nur den Menschen betrachten? 

 

Selbst Angela Merkel schaltet sich ein

Man kann von ihr halten, was man möchte, aber ich schätze an ihr, wie sie sich für eine offene Gesellschaft stark macht, wenn auch nicht immer nachhaltig und erfolgreich. Als die Frage zum „Deutschsein“ aufkam, erinnerte sie sich an ihren Großvater, der Pole gewesen ist, und sogar gegen die Deutschen gekämpft haben soll (1). Seine Enkelin ist nun die erste deutsche Bundeskanzlerin. Was aus Immigranten so alles werden kann … 

 

Quelle:

(1): https://www.dw.com/de/deutsche-kanzlerin-mit-polnischen-wurzeln/a-16697801

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