Italien, Mafia

Übersicht: Die italienische Mafia

Wir alle kennen das Wort und viele von uns, haben es schon einmal benutzt. Was bedeutet es genau und wer oder was steckt dahinter: Mafia.

Hinweis: Wenn es um die Mafia geht, verlassen wir die Straße der Tatsachen und begeben uns auf den Weg der Spekulationen. Die hier aufgeführten Informationen sind nach bestem Wissen und Gewissen zusammengetragen. Allerdings ist ihre 100%ige Korrektheit nur schwer überprüfbar, denn diejenigen, die als Einzige wirklich darüber Bescheid wissen, hüten großteils die omertà – das Gesetz des Schweigens. 

Was bedeutet Mafia?

Woher genau das Wort Mafia stammt, darüber herrscht bis heute Unklarheit. Theorien besagen, dass es entweder aus dem Arabischen, dem Sizilianischen oder anderen italienischen Dialekten abgeleitet wurde.

Hier nur ein paar denkbare Ableitungen:

Aus dem Arabischen:

  • Maha: Höhlen zwischen Trapani und Marsala in Sizilien
  • Ma‘âfir: Angeber, überheblich, Zerstörer
  • Ma hias: Ein Volksstamm, der in Palermo regierte

Aus dem Sizilianischen:

  • mafiusu / marfusu: arrogant, eingebildet, schön, mutig (So widersprüchlich wie die Mafia selbst gesehen wird; wahrscheinlich eine Ableitung aus dem Arabischen)

Aus anderen Dialekten:

  • Malfusso: Krimineller
  • Mafia / maffia: Armut, Not
  • Mafi /mafio / mafiun: Dieb; Bauer ohne Manieren; Rüpel; kleinwüchsiger, missgestalteter Mensch

Anmerkung:

Die Bezeichnung Mafia wird im allgemeinen Sprachgebrauch heutzutage für jegliche Art von krimineller Organisation verwendet, so auch für die japanische, die mexikanische oder die albanische Mafia. In Italien ist mit Mafia meist die sizilianische Cosa Nostra gemeint.

Was ist die italienische Mafia?

Sehr vereinfacht ausgedrückt ist die Mafia eine kriminelle Organisation aus Italien, die hierarchisch gegliedert ist und inzwischen weltweit agiert, darunter auch in Deutschland – siehe Mafiarazzien in Deutschland. Ihr wird nachgesagt, sie ginge auf Geheimbünde zurück. Ihre traditionellen Spezielgebiete sind Erpressung, Geldwäsche, (Auftrags-)Mord, Prostitution und Drogenhandel. Inzwischen zählen auch politische und wirtschaftliche Einflussnahme dazu.

Die Differenzierung der verschiedenen Mafien

Im Ausland wird das Wort Mafia häufig synonym für alle kriminellen, italienischen Organisationen gebraucht. Tatsächlich muss man aber zwischen den drei großen Mafien unterscheiden: der Cosa Nostra, der ’Ndrangheta und der Camorra. Bekannt ist auch die relativ junge Sacra Corona Unita. Jede von ihnen hat für sie typische Einnahmequellen, Aktionsorte und Besonderheiten:

Name ’Ndrangheta Cosa Nostra Camorra
Namensbedeutung*:
  • andraghatía: die dem Mann innewohnende Tugend
  • ’ndranghetista (calabr.): tüchtiger Mann, der es weiß, zu schweigen und seine Ehre zu schützen
  • Cosa Nostra (ital.): unsere Sache
  • Gamurra: eine Jacke, getragen von italienischen Seefahrern im Spätmittelalter oder der Renaissance
  • Kumar (arab.): Glücksspiel
  • c’a-morra (con la morra; neapolit.): Straßenspiel
Einnahmequellen:
  • Erpressung
  • Entführung
  • Kokainhandel
  • politische Einflussnahme
  • Waffenhanel
  • Geldwäsche
  • illegale Müllentsorgung
  • Kokainhandel
  • Erpressung
  • Geldwäsche
  • Tourismus

 

  • Prostitution
  • Glücksspiel
  • Müllabfuhr
  • Erpressung
  • Drogenhandel
  • Betrug
Geografie**: Reggio Calabria

Provinz Crotone

Emilia Romagna

Lombardei (Mailand)

Sizilien Campania

Neapel

Caserta

Besonderheit/
Unterschiede
  • starke Blutsbande machen es Ermittlern schwierig, inhaftierte ’ndrinu zum Sprechen zu bringen
  • horizontal strukturiert
    • Clans = cosche (Artischoke)
  • Gewalt nur in Extremfällen
  • vertikal strukturiert
  • la famiglia, soldati, uomini d’onore, capi
  • Einweihungs-/Taufritual
  • man muss sich als würdig erweisen
    • Lieferungen, Mord etc.
  • Tattoos mit Verbrechen
  • keine einheitliche Struktur
  • die unterschiedlichen Clans agieren teilweise seperat voneinander, bekriegen sich auch
  • Rekrutierung im Gefängnis
  • Gewaltanwendung ist fundamental

* Nicht gesichert, nur Mutmaßungen

** Es handelt sich um Orte, an denen die jeweilige Mafiaorganisation traditionell ihren Sitz hat. Allerdings sind alle drei Mafien international tätig.

Die Mafia ist nicht dein Freund und Helfer!

Nicht erst Hollywoodproduktionen und Netflix-Serien haben zu einer romantischen Verklärung der Organisation beigetragen. Der Begriff uomini d’onore (deutsch: Ehrenmänner), mit dem die mafiosi mitunter bezeichnet werden, impliziert, dass an ihrer Tätigkeit irgendetwas Ehrenhaftes sei. Das ist nicht der Fall! Sie töten nicht, weil sie einem inneren Moralkodex folgen und sie sind keine italienischen Robin Hoods! Um es noch einmal mit aller Deutlichkeit zu sagen: Die Mafia tötet Menschen! Wenn sie hilft, dann tut sie das nur aus eigener Berechnung. Wer sich auf sie einlässt, muss meist mit weit mehr als nur mit Geld bezahlen.

Die Hierarchie (sehr stark vereinfacht!)

Die Frau in der italienischen Mafia

Die Mafia ist traditionell ein Männerbund, der noch immer an konservativen „Werten“ und Normen festhält. Dementsprechend ist der Frau eine eher untergeordnete Rolle zugeteilt: Sie erzieht die Kinder, ist Nachrichtenübermittlerin (z.B. wenn der Mann eine Haftstrafe verbüßt) oder wird notfalls auch gegen ihr Einverständnis mit einem Mitglied eines anderen Clans verheiratet, um dem zu Clan mehr Einfluss zu verhelfen. Es gibt jedoch Fälle von Frauen, die ähnliche Aufgaben wie die capi übernommen haben, zum Beispiel Marisa Merico oder Giuseppina Vitale. Mehr zur Rolle der Frau in der italienischen und mexikanischen Mafia hier.

Einige Regeln

  • Begehre nicht die Frau eines anderen
  • kein Oralsex
  • man muss der Cosa Nostra in jedem Moment zur Verfügung stehen
  • Omertà: Das Gesetz des Schweigens ist eines der wichtigsten Regeln der Mafia. Wer sich öffentlich oder einem Nicht-Mafioso gegenüber zur Organisation äußert, ist zum Tode verurteilt
  • gegenüber den anderen Mitgliedern ist stets die Wahrheit zu sagen (v.a. gegenüber den capi)
  • gegenüber der Polizei oder Behörden ist stets zu lügen

Wer die Mafia verrät, wird als pentito bezeichnet, als Verräter, und gilt damit als vogelfrei. Insbesondere im Zuge der Ermittlungen der sizilianischen Richter Falcone und Borsellino haben es jedoch einige mafiosi mit der Angst zu tun bekommen. Es kam zu einer Art Massen-Verrat, bei dem viele plötzlich ihr Gewissen erleichtern wollten.

Neben den Regeln gibt es auch besondere Riten und Aufnahmezeremonien, die an religiöse Messen erinnern:

Das Video zeigt einen Initiationsritus der ’Ndrangheta in einem Restaurant in der Nähe von Mailand. Die Aufnahmen sind heimlich von der Polizei gemacht worden. Es gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse über die Strukturen der Mafia.

Warum ist die Mafia so „stark“?

Das hat viele sozio-politische Ursachen. Nicht umsonst entwickelten sich die drei großen Mafien in als wirtschaftlich schwächer geltenden Regionen in Süditalien. Arbeitslosigkeit, Armut und das Gefühl, vom Staat alleine gelassen worden zu sein trieb viele in die Arme der Mafia. Bei einer Dokumentation über die Mafia in Neapel sagte eine Bewohnerin der vele (die Sozialbauwohnungen Vele di Scampia), seit sie dort lebe, habe sie noch nie einen Politiker hier gesehen. Ohne die Mafia wäre sie villeicht verhungert, behauptet sie.
Selbstverständlich spielen auch Prestige und die Aussicht auf das schnelle Geld eine Rolle. 

Auch die Tatsache, dass die Mafia so vermögend ist und sich in wirtschaftliche und politische Institutionen einkauft oder diese infiltriert, hat ihre Bekämpfung so schwierig gemacht.

Traurige Berühmtheit: Die Opfer

Giovanni Falcone und Paolo Borsellino sind wahrscheinlich die prominentesten unter ihnen. Die Richter waren die ersten, die der sizilianischen Cosa Nostra an den Kragen wollten und sich weder durch Bestechungsgeld noch Drohungen davon abhielten ließen, gegen die Organisation zu ermitteln. Sie bezahlten es mit ihrem Leben. Heute ist der Flughafen von Palermo (in Sizilien) nach ihnen benannt.

Giuseppe ‚Peppino‘ Impastato war ein linksgerichteter Anti-Mafia-Aktivist. Seine Familie  war selbst in mafiöse Aktivitäten verstrickt, was ihn nicht daran hinderte, sich gegen die Organisation zu stellen. In seinem 1976 von ihm gegründeten Radiosender Radio Aut sprach er offen über die Mafia in Sizilien und den damaligen örtlichen Clanchef Gaetano Badalamenti. Er verwendete vor allem Humor, um die Mafia zu defamieren. Als er schließlich bei einem Sprengstoffanschlag ums Leben kam, ging die Polizei zunächst davon aus, er selbst hätte einen Anschlag geplant und sich dabei umgebracht – es waren die Jahre des linken Terrors der Brigate Rosse in Italien. Ein gefälschter Brief sollte diesen Eindruck bestätigen. Dem unerschütterlichen Engagement von Peppinos Mutter und seinem Bruder ist es zu verdanken, dass die Umstände schließlich aufgedeckt wurden.

Der Trailer zum Leben von Peppino Impastat: I cento passi.

Eine letzte Anmerkung: Vorsicht vor Stereotypisierung!

Manch ein Deutscher mag sich dazu hinreissen lassen, alle Italiener als mafiosi abzutun oder zu glauben, sämtliche italienischen Politiker wären von der Mafia finanziert. Auch einige Norditaliener denken das übrigens über die Süditaliener, obwohl bekannt ist, dass die Mafia ganz besonders in der Wirtschaftsmetropole Mailand agiert. Dennoch sind bei weitem nicht alle (Süd-)italiener korrupt oder bei der Mafia! Das zu behaupten, wäre eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung und ist sehr verletztend! Genauso wenig sind alle Araber Terroristen, alle Sinti und Roma Diebe und alle Deutschen Nazis.

Quellen:

https://www.corriere.it/cronache/07_novembre_07/decalogo_mafia_palermo.shtml

https://www.news.at/a/italien-mafia-aufnahmeritual-video

http://www.homolaicus.com/storia/contemporanea/mafia.htm

http://www.accademiadellacrusca.it/it/lingua-italiana/consulenza-linguistica/domande-risposte/camorra-mafia-ndrangheta-parte-iii-origine-n

http://www.treccani.it/enciclopedia/ndrangheta/

https://www.sueddeutsche.de/panorama/mafia-ndrangheta-italien-1.4240269

http://www.treccani.it/enciclopedia/mafia_%28Enciclopedia-dei-ragazzi%29/„Die Geschichte der Mafia“ – Salvatore Lupo

Please follow and like us:

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.