Frauen, Italien

Und ewig lockt das Weib

Jung, dumm, sexuell verfügbar: So sind italienische Frauen, wenn man der italienischen Fernsehlandschaft glauben darf.

Die wohl bekanntesten Showgirls Italiens sind die sogenannten Veline der beliebten (satirischen) Nachrichtensendung Striscia la notizia. Lob erhält die Sendung insbesondere für ihre investigativen Recherchen, beispielsweise über die Mafia, ein Thema, an das sich im Belpaese nicht jedes Medium herantraut. Fraglich ist allerdings, wofür es dazu Tänzerinnen braucht.

Die veline, das sind eine Blondine und eine Brünette, die einst den Moderatoren Notizzettel (ital. veline) mit den Nachrichten überreichten. Heute bestehen ihre Funktionen hauptsächlich darin, als schöne Accessoires zu fungieren und mit ihren Tänzen die Aufmerksamkeit der Zuschauer aufrecht zu halten. Ihre Sprechzeit pro Episode dürfte eine Minute kaum überschreiten.

Ein bisschen Gleichberechtigung?

Immer wieder erntete die Sendung daher Kritik. Das Jahr 2004 schien schließlich das Jahr der Gleichberechtigung zu werden. So traten mit Anna Maria Barbera und Michelle Hunziker erstmals Frauen als Moderatorinnen in Erscheinung. Letztere moderiert bis heute abschnittsweise die Sendung.

Auch Männer fungierten zeitweise als velini. Phasenweise tat das beispielsweise Edo Soldo als velinone schon in den 90ern. Als schließlich 2013 zwei Männer offiziell zu velini gewählt wurden, kam das jedoch gar nicht gut an. Nur drei Wochen hatten sie das Amt inne bis sie wegen rückgängiger Zuschauerzahlen durch Frauen ersetzt wurden. Italien war wohl einfach noch nicht bereit für männliche Tänzer.

Darwin würde sich im Grabe umdrehen

Doch Striscia la notizia ist nicht die einzige Sendung, die zu einem rückständigen Frauenbild beiträgt. Insbesondere Ciao Darwin reduziert Frauen auf ihr Äußeres. In der sogenannten Spielshow treten zwei Gruppen gegeneinander an. Manchmal sind das die umani gegen die mutanti (dt. Menschen gegen Mutanten), ein anderes Mal belli contro brutti (dt. die Hübschen gegen die Hässlichen). Schon die Gruppennamen offenbaren viel über die Oberflächlichkeit der Show. Das Ganze soll unterhaltsam sein.

Sinn der Spielshow ist es, sich in zwei Teams in verschiedenen Kategorien miteinander zu messen. Eine dieser Rubriken ist die Modenshow. Mal mehr, mal weniger bekleidet laufen die Auserwählten – männliche wie weibliche – über den Laufsteg und werden vom Publikum bewertet. Wer mehr Applaus erhält, gewinnt.

Beim Anblick halbnackter Frauen grölen die Männer und fächern sich Luft zu. Während die Kamera länger auf bestimmten Körperteilen der Frauen verweilt, erklärt der Moderator, diese Attribute seien der Grund, warum sich Männer in Frauen verliebten – oder mit ihnen Sex haben wollten. Das Wort amore ist in diesem Kontext mehrdeutig.

Auch die männlichen Kandidaten nehmen an diesem Wettbewerb teil. Allerdings tragen sie meist mehr als ihre weiblichen Konterparts und auch die Reaktionen der Frauen im Publikum sind verhaltener.

 

Quelle: Youtube/Mediaset Play

Frauen als Opfer oder Mittäterinnen

Die Frage danach, ob Frauen Opfer in diesem Schmierentheater sind oder davon profitieren, es gar ausnutzen, ist vergleichbar mit der Frage nach der Henne und dem Ei. Ebenfalls bei einer Episode von Ciao Darwin gibt es den Argumentationswettstreit. Während ein “Mutant“ erklärt, warum Schönheitsoperationen natürlichem Aussehen vorzuziehen sind, zieht sich eine „Menschin“ schlichtweg das Kleid nach oben und entblößt ihren Hintern. Als Argument scheint ihr und dem Publikum das ausreichend.

Der Kampf um die Gunst der Männer und Zuschauer ist hart. In Il corpo delle donne offenbart Lorella Zanardo unter anderem, wie sich junge und ältere Frauen gegenseitig zerfleischen.

 

Quelle: Youtube/Enzo Amoruso

In dem Dokumentarfilm sind ferner Szenen zu sehen, in denen Frauen sich vor laufender Kamera erniedrigen und dazu beitragen, dass auch andere Frauen herabgewürdigt werden. So muss eine Frau muss während einer Sendung unter einem Tisch ausharren, zum Schweigen verdammt. In einer anderen Szene wird eine Frau gezeigt, die vor den Blicken des Publikums duscht. Immerhin darf sie dabei ihre Kleidung anbehalten. Laszive Rodeoritte und Busenblitzer, die von anderen Frauen lachend und mit Applaus quittiert werden oder anzügliche Fragen, gestellt vom Ex-Premierminister Berlusconi. Die Frau lacht verlegen, ist sichtbar peinlich berührt und macht gute Miene zum bösen Spiel. Das Publikum lacht.

Die Angst vor dem Verfallsdatum

In Il corpo delle donne thematisiert Zanardo außerdem die Angst vor dem Älterwerden. “Alt sein“ beginnt dabei für einige bereits mit 30. Und so legen sich selbst intelligente, starke, erfolgreiche Frauen wie Lilli Gruber unter das Messer, um noch ein wenig die Aufmerksamkeit der Fernsehkamera auf sich ziehen zu können.

Am 28.11. kommt außerdem der Film Dicktatorship Fallo e basta! (Gustav Hofer & Luca Ragazzi: Italy Love it or leave it) in ausgewählte Kinos. Er beleuchtet den Machismus in der italienischen Gesellschaft, aber auch den eigenen.

Quelle: Youtube/ film.de.official

Die deutsche Prüderie?

„Was siehst du aber den Splitter im Auge deines Bruders, den Balken aber in deinem Auge bemerkst du nicht“, hieß es schon in der Bibel. Und ist das Frauenbild im italienischen Fernsehen wirklich so anders als das deutsche? Auch Thomas Gottschalk tätschelte schließlich das ein oder andere Knie seiner weiblichen Studiogäste, die das mit Ausnahme Madonnas alle stillschweigend und lächelnd hinnahmen. Und für Aufsehen sorgte in den 90ern Hugo Egon Balder mit Tutti Frutti, das unter dem Deckmantel einer Spielshow Frauen mäßig bekleidet im Abendprogramm zeigen durfte.  Allerdings waren Name und Idee aus Italien importiert.

 

Quellen

Videos (direkt in den Text integriert):

Filme.de.official (2019): Dicktatorship. Fallo e basta! – Trailer (Italienisch/deutsche Untertitel), in: https://www.youtube.com/watch?v=ZlTp9Gt7G4w  [Youtube], (03.11.2019).

Hofer, Gustav (2011): Italy love it or leave it – official trailer, in: https://www.youtube.com/watch?v=NnyFhSi5tPc [Youtube] (03.11.2019).

Amoruso, Enzo (2016): Il corpo delle donne, in: https://www.youtube.com/watch?v=nPpIn0b6-x4&t=876s [Youtube] (03.11.2019).

Mediaset Play (2019): Ciao Darwin 8 – Umani e mutanti: sfilata in intimo donna, in: https://www.youtube.com/watch?v=n12IS_KxF5Q&t=19s [Youtube] (03.11.2019).

RTI S.p.A. Direzione Business Digital (2019): Striscia la notizia, in: https://www.striscialanotizia.mediaset.it/ (03.11.2019)

RTI S.p.A. Direzione Business Digital (2019): La droga a Catanzaro, in: https://www.striscialanotizia.mediaset.it/video/la-droga-a-catanzaro_61202.shtml (03.11.2019)

Artikel

Textbibel 1899 (1899): https://bibeltext.com/text/matthew/7.htm, (03.11.2019).

Ludwig, Lisa (2015): Mit abgeklebten Brüsten wäre Thomas Gottschalks Geburtstagssendung zumindest offen sexistisch gewesen, in: https://www.vice.com/de/article/kwynym/herbstblond-thomas-gottschalk-grosse-geburtstagssendung-rtl-sexismus-486  (03.11.2019).

Cover Media (o.A.): Hugo Egon Balder: ‚Tutti frutti‘ (fast) ohne ihn, in: https://www.tvspielfilm.de/news-und-specials/hugo-egon-balder-tutti-frutti-fast-ohne-ihn,8578256,ApplicationArticle.html (03.11.2019).

 

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