Argentinien, Deutschland, Nazis

Wie gut, dass jeder weiß, dass ich Adolf Eichmann heiß’

Ein Beispiel der mangelhaften Entnazifizierung durch die Alliierten.

Argentinien/Deutschland/Israel. Die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit hat sich Deutschland stets groß auf die Fahne geschrieben. Dass dabei allerdings viel unter den Teppich gekehrt worden ist, wissen die wenigsten. Im Rahmen der 68er-Bewegung kam es bereits erstmalig zu einer größeren Kritik an der mangelhaften Entnazifizierung. „Unter den Talaren – der Muff von 1000 Jahren“, hieß es da auf einem der Transparente beispielsweise. Gemeint war, dass viele der ehemaligen Richter und Beamten auch nach dem Ende des Dritten Reiches weiterhin ihr Leben und ihre berufliche Tätigkeit fortführten.

Hitler nahm sich am 30. April 1945 das Leben, der 2. Weltkrieg endete am 2. September 1945. Deutschland wurde zwischen den vier Siegermächten aufgeteilt. In den Jahren danach folgten Teilung, Etablierung einer Demokratie im Westen, Entnazifizierung, Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Und sie lebten alle glücklich bis an ihr Lebensende. So hätte es sein können, aber es ist und bleibt nur ein Märchen.

Lateinamerika: Das Gelobte Land für Nazi-Verbrecher

Viele der Verantwortlichen flüchteten über sogenannte Rattenlinien (Italien: Südtirol, Genua, Rom – Spanien – Lateinamerika) ins Ausland. Teilweise mit Unterstützung der Katholischen Kirche, die gefälschte Ausweise ausstellte. Bevorzugtes Ziel waren dabei lateinamerikanische Staaten, darunter vor allem Argentinien und Chile. So haben es beispielsweise auch Adolf Eichmann, einer der Hauptorganisatoren der Judenvernichtung, und Joseph Mengele, KZ-Arzt von Auschwitz, gehalten. Letzterem gelingt die Flucht nach Paraguay und im Anschluss nach Brasilien. Eichmann lebte ein relativ unbeschwertes, wenn auch einfaches, Leben in Argentinien und arbeitete als Techniker in den Werken von Daimler-Benz, bis er 1960 vom Mossad entführt und in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde. Dort wurde er 1962 zum Tode verurteilt.

Ende gut, alles gut?

Könnte man meinen, allerdings hatten Konrad Adenauer, der BND und die CIA bereits seit einem Jahrzehnt Kenntnis über Eichmanns Aufenthalt. Die Kritik der 68er ist folglich nicht ganz unbegründet: Entnazifizierung ja, aber man drückte auch gerne mal ein Auge zu, wenn es den Alliierten nutzte.

Was sich wie eine Verschwörungstheorie anhört, hat allerdings fundierte Quellen. Bereits 2006 berichtete n-tv, die CIA habe bewusst Dokumente über Eichmann zurückgehalten, um „hochrangige deutsche Persönlichkeiten“ zu schützen. Der Fernseh-Nachrichtensender berief sich dabei auf damals veröffentlichte Akten durch den US-Geheimdienst selbst. Konkret, so n-tv, habe es sich dabei um Tagebucheinträge Eichmanns gehandelt, die Adenauers Berater Hans Maria Globke betroffen hätten. Aus diesem Grund war Eichmann wohl auch nicht festgenommen worden, obwohl der Bundesnachrichtendienst bereits 1950 vom Aufenthaltsort Eichmanns Kenntnis gehabt hatte.

Alle spielen mit

Lothar Hermann, ein Überlebender des Konzentrationslagers Dachau, der ebenfalls in Argentinien lebte, habe Eichmann dort wiedererkannt. Er meldete dies dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Der wiederum kontaktierte die Behörden in Israel. Als die nicht reagierten, schrieb Hermann: „Es scheint, als hätten Sie kein Interesse, Eichmann zu verhaften.“ Eine ähnliche Erfahrung machte auch Simon Wiesenthal, der sogenannte „Nazi-Jäger“. Er ging einem Hinweis nach und fand Eichmann, was er dem israelischen Konsul in Wien mitteilte. Der antwortete, man hätte kein Geld für derartige Recherchen.

Dass das Bild der objektiven Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit Risse bekam, zeigte sich auch an der Weigerung des BND – ehemals Operation Gehlen nach dem ersten Verfassungsdienstchef und ehemaligen Nazi – die vollständigen Akten über Eichmann freizugeben. Erst 53 Jahre nach der Verhaftung Eichmanns lenkten sie ein und gestatteten einer Historikerkommission die vollumfängliche Einsicht.

Eichmann – die Banalität des Bösen

Der ehemalige SS-Obersturmbannführer ist heute als einer der Hauptorganisatoren der europäischen Juden-Vertreibung und -Vernichtung bekannt. Er selbst sah sich nur als „Instrument“, zitiert der Spiegel aus dem 2016 veröffentlichten Gnadengesuch Eichmanns. Die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt entwickelte als Prozessbeobachterin für die New York Times anhand Eichmann ihre Theorie der „Banalität des Bösen“ und erntete selbst große Kritik dafür. Arendt sah in Eichmann keine diabolisch, psychisch kranke Führungspersönlichkeit, sondern einen Beamten, der treu seiner Pflicht nachgegangen war ohne die ihm aufgetragenen Aufgaben zu hinterfragen. Das hat auch Eichmann bis zuletzt behauptet. 

Globke hätte Adenauers Ende bedeutet

Über Adenauer konnte man viel sagen, aber bestimmt nicht, dass er ein Anhänger der Nationalsozialisten war. So ließ er beispielsweise Hakenkreuzflaggen, die anlässlich eines Besuchs Hitlers 1933 in Köln aufgehängt worden waren, wieder abnehmen. Der ehemalige Kölner Oberbürgermeister war erklärter Kritiker des Regimes und lebte daher jahrelang im Exil, wurde allerdings mehrfach festgenommen. Eine Zusammenarbeit mit Widerstandsgruppen lehnte er wiederum ab. Zweifelhaft ist hingegen seine Zusammenarbeit mit Hans Globke, der nachweislich einen Kommentar zu den Rassengesetzen von 1935 angefertigt hatte. Das war auch der Öffentlichkeit bekannt. 1963 verurteilt die DDR Globke sogar zu lebenslangem Gefängnis („Zuchthaus“) in Abwesenheit. Das Ministerium für Staatssicherheit versuchte in diesem Zusammenhang auch, Globke eine enge Verbindung zu Eichmann nachzuweisen. Wäre das, zum Beispiel durch eine Aussage Eichmanns gegen Globke, ans Licht gekommen, hätte das die noch junge, deutsche Demokratie und Adenauers Glaubwürdigkeit ins Wanken gebracht. CIA und BND jedenfalls nahmen Eichmann nicht fest, obwohl sie genau über seinen Aufenthaltsort Bescheid wussten.
Globke fürchtete wohl ebenfalls um seine Zukunft. Wohlmöglich setzte er sich deshalb für die Wiedergutmachungsverhandlungen mit Israel ein. Fakt ist, dass Israel im Anschluss an diese Verhandlungen auf eine Vernehmung Globkes als Zeugen im Eichmann-Prozess verzichtete.

Wer war Globke?

Bevor Hans Maria Globke Staatssekretär wurde und zum engeren Vertrauenskreis Adenauers zählte, arbeitete er als Referent für Staatsangehörigkeitsfragen. Als solcher war er für die Bezeichnung von „Sara“ und „Israel“ verantwortlich, die Juden ab 1937 als Namenszusatz tragen mussten. 1935 hatte er darüber hinaus einen Kommentar zu den Nürnberger Rasengesetzen verfasst.

Mit seinem Kodex des jüdisches Rechts schuf er schließlich die juristische Grundlage für die Enteignung und Entrechtung der slowakischen Juden. Warum wurde er nicht schuldig gesprochen?
1. Der Staatsanwalt Robert Kemper, der 1935 in die USA emigriert war, entlastet ihn.
2. Er hatte Kontakte zur Opposition.
Außerdem sprachen sich damals unter anderem der CDU-Abgeordnete Otto Lenz und Presseamtsreferentin Ruth Müller für ihn aus. Globke hätte ihnen und ihren Familien geholfen. Wie aus einem Brief an den CDU-Fraktionsvorsitzenden Heinrich Krone hervorgeht, beschuldigte ihn eine Witwe jedoch, durch seine Auslegung der Rassengesetze eine Mitschuld am Tod ihres Mannes getragen zu haben.

Globke spaltete die Nation und die Politik. Eine nachweisbare Verbindung zu Eichmann allerdings hätte mit großer Wahrscheinlichkeit sein endgültiges Aus bedeutet und den politischen Gegnern Adenauers in die Karten gespielt.
Globke erhielt übrigens unter anderem den Verdienstorden der Italienischen Republik (1956) und das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschlands (1963). Ihm war 1956 auch das Große Goldene Ehrenzeichen am Bande für die Verdienste um die Republik Österreich verliehen worden. Historiker hatten 2018 eine Aberkennung solcher Ehrenzeichen gefordert, beispielsweise in Fällen, in denen nachträglich eine Verbindung zum NS-Regime nachgewiesen wurde.

Ein freier Mann

Ähnlich frei wie Globke fühlte sich auch Eichmann, der unter dem Tarnnamen Ricardo Klement, ein relativ unbehelligtes Leben in Argentinien führte. Er gab sogar dem ehemaligen SS-Offizier Sassen Interviews, die dieser später an die Presse zu verkaufen versuchte. 

USA nicht immer so „altruistisch“

Ob es nun tatsächlich zum Schutze Adenauers und der jungen Demokratie war oder nicht, Tatsache ist, dass die Alliierten, vor allem die USA und die Sowjetunion, gerne mal die Verbrechen eines Nazis vergaßen, wenn er für sie von Nutzen war. Dazu zählte beispielsweise Arthur Rudolf. Unter den Nazis entwickelte er mitunter die sogenannte Vergeltungswaffe V2, die auch gezielt gegen die Zivilbevölkerung in England eingesetzt wurde. Nach 1945 half er dann den Amerikanern bei der Konstruktion der Saturn-V-Rakete, die 1969 schließlich auf dem Mond landete.
Otto von Bolschwing, ein Mitarbeiter Eichmanns, sei später bei der CIA angestellt gewesen. Das schrieb die Welt schon 2010 und berief sich auf einen Bericht der New York Times. Letztere hätten die Angaben aus einem Report des Justizministeriums, der eigentlich nicht zur Veröffentlichung gedacht gewesen ist. Grund hierfür, so die Welt, sei gemäß des Ministeriums, dass der Bericht nicht fertiggestellt worden war und Fehler enthielte. Zur Veröffentlichung sei es letztlich durch die Klage einer privaten Forschungsgruppe gekommen.

Ein bittererer Beigeschmack

Allein 6 Millionen Juden, so schätzt man, sind dem Holocaust zum Opfer gefallen. Eichmann, Globke, Barbie, Gehlen, Mengele und Von Bolschwing haben ihren Beitrag dazu geleistet. Und das sind nur die prominentesten Fälle. Wer weiß, wie viele Nazifunktionäre tatsächlich dank ihrer Kollaboration mit den Alliierten ihren Lebensabend unbeschwert genießen konnten?
Im Rahmen der offiziellen Entnazifizierung entschieden sogenannte Spruchkammern, ob ein Angeklagter 

  1. Hauptschuldiger
  2. Belasteter
  3. Minderbelasteter
  4. Mitläufer
  5. Unschuldiger

war. Welches Urteil die Alliierten wohl über sich selbst gefällt hätten?

Noch immer keine abschließende Aufklärung

Selbst 74 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches – oder zumindest 59 Jahre nach der Verhaftung Eichmanns – ist der Kampf um die Wahrheit noch immer nicht beendet: Was wusste der BND? Wen schützte die CIA? Und welche Verbindung bestand zwischen Eichmann und Globke?
Seit Jahren gibt es eine juristische Auseinandersetzung zwischen dem BND und Journalisten. Die Deutsche Welle erwähnt den Fall des Journalisten einer Boulevardzeitung, der auf Akteneinsicht geklagt hatte. Eine solche Einsicht, so sieht es das deutsche Gesetz vor, ist nicht selbstverständlich und muss eingeklagt werden. Ein paar tausend Seiten hat er daraufhin einsehen dürfen, mehrere hundert waren allerdings auch damals geschwärzt gewesen. Eine erneute Klage des Journalisten wurde abgewiesen. Schließlich lagen die Akten in ihrer Gänze einer Historikerkommission vor. Wer die Wahrheit über Eichmann, Globke und Gehlen erfahren möchte, muss sich die Veröffentlichungen dieser Kommission anschaffen: https://www.christoph-links-verlag.de. Der Öffentlichkeit sind sie allerdings nicht kostenfrei zugänglich. 

 

Filmtipp: Packend, aber mit filmischen Ausschmückungen (Ben Kingsley als Adolf Eichmann)


Quelle: Youtube/ Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz

Quellen

 

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